Erklär Mir Liebe

Erklär Mir Liebe

Eine Filmkritik von Joachim Kurz

Familienaufstellungen

„Eine unserer schönsten Vorstellungen war immer, dass wir im Alter auf der Bank sitzen und unsere Enkelkinder zu Füßen sehen und dann sagen: Ach, haben wir das nicht gut gemacht“, gesteht Petra an einer Stelle des Films Erklär Mir Liebe von Florian Aigner. Was all den Paaren, die der Filmemacher über ein Jahr begleitet hat, gemeinsam ist, ist bei aller Unterschiedlichkeit die Tatsache, dass dieser Traum vom lebenslangen Liebesglück mit ein und demselben Partner nicht geklappt hat.
Der Titel des Films stammt von einem Gedicht aus der Feder Ingeborg Bachmanns und ist bei aller Bewunderung für die Poetin ein klein wenig missverständlich gewählt. Denn es geht in dem Film nicht um das Wesen der Liebe, sondern eher um deren Abwesenheit. Darum was passiert, wenn einem die Liebe, wie Erich Kästner in einem anderen Gedicht schreibt, abhanden kommt.

Dabei führt der Film den Zuschauer anfangs ein wenig auf die falsche Fährte. Das zunächst gezeigte Krippenspiel und die beiden ersten, recht jungen Paare, die jeweils mindestens ein gemeinsames Kind haben, erwecken den Eindruck, als ginge es vor allem um die Sorgen und Nöte junger Eltern, die sich gerade erst getrennt haben. Und darum, was diese Trennung mit den Kindern macht. Dann aber kommen ältere Paare hinzu wie etwa Petra und Ulrich oder Bettina und Peter, bei denen die Trennung schon eine Weile zurückliegt oder erst in späteren Jahren erfolgt ist. Das macht es für eine ganze Weile schwer, dem Geschehen und den ungewöhnlich offen geführten Gesprächen aufmerksam zu folgen, weil man jenseits der zurückliegenden Trennung stets noch nach weiteren verbindenden Elementen sucht, die die Protagonisten gemeinsam haben könnte.

Florian Aigner ist seinen Protagonisten nahe gekommen, an manchen Stelen auch zu nahe: Es gibt einige Passagen, in denen man die Anwesenheit des Teams sehr genau spürt, weil man einen prüfenden Blick in die Kamera bemerkt – was man sonst im Dokumentarfilm (mit Ausnahme von Interviewsituationen) eher selten sieht. Dass der Film nun auf DVD herausgekommen ist, liegt natürlich auch an der Laufzeit von 66 Minuten, die sowohl fürs Fernsehen wie auch fürs Kino eher ungünstig ist, da die Slots bei den Sendern anders getaktet sind und einstündige Filme (wenn überhaupt) am ehesten bei Kommunalen Kinos gezeigt werden.

Dass das Thema brandaktuell ist, steht außer Frage. Für einen kinotauglichen Dokumentarfilm fehlt aber noch ein zwingenderer roter Faden und ein durchdachtes dramaturgisches Konzept, das den Zuschauer nicht so lange im Dunkeln tappen lässt, wie dies bei der derzeitigen DVD-Version der Fall ist. Aufgrund der sich rapide verändernden familiären Strukturen in Deutschland und anderswo wartet dieses Thema aber förmlich auf eine umfassende filmische Aufarbeitung, Florian Aigners Erklär Mir Liebe ist hier durchaus als erster Schritt zu verstehen, mit dem der Themenkomplex aber keineswegs erschöpfend behandelt ist.

Am Ende gibt es immerhin einen kleinen Hoffnungsschimmer zwischen all den Geschichten von Trennung und Verlust, von Trauer und dem bohrenden Gefühl, etwas nicht richtig gemacht zu haben. Tilmann und Marlen kommen sich wieder etwas näher, wir sehen, wie sie sich langsam wieder aneinander annähern, wie sie sich ihrer intensiven Gefühle füreinander versichern, wie sie ganz nah beieinander stehen in einem Badesee, die Kinder mittendrin.

Apropos Kinder: In einem Epilog sind Kinder zu sehen, die von ihren eigenen Familienverhältnisse berichten, die gekonnt und mit viel Erfahrung erläutern, was man unter einem Stiefvater, einer Stiefmutter zu verstehen hat. Dabei stellt sich heraus, dass nur bei einem von ihnen (zumindest wird nur dieser eine Junge gezeigt) die Familienverhältnisse „normal“ sind. Wenn er das sagt, dann klingt da beinahe schon ein wenig Bedauern darüber mit, einer solchen Minderheit anzugehören. Vielleicht liegt das ja auch daran, dass die Kinder von heute längst die neuen Realitäten der Familien am eigenen Leib erfahren haben. Bei der Politik und in der Kirche hingegen ist man noch darüber im Unklaren, ob diese Einsicht schon überallhin vorgedrungen ist.

Erklär Mir Liebe

„Eine unserer schönsten Vorstellungen war immer, dass wir im Alter auf der Bank sitzen und unsere Enkelkinder zu Füßen sehen und dann sagen: Ach, haben wir das nicht gut gemacht“, gesteht Petra an einer Stelle des Films „Erklär Mir Liebe“ von Florian Aigner.
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