Endstation der Sehnsüchte

Endstation der Sehnsüchte

Eine Filmkritik von Joachim Kurz

Ferne Heimat, nahe Fremde

Gäbe es im Dokumentarfilm wie im Spielfilm Genrebezeichnungen, müsste man die Arbeiten der aus Südkorea stammenden und in Deutschland arbeitenden Filmemacherin Sung-Hyo Cho wohl am ehesten als „Heimatfilme“ bezeichnen. Bereits Full Metal Village, dieses liebevolle Porträt des norddeutschen Ortes Wacken, in dem während des Heavy Metal Festivals zwei vollkommen verschiedene Milieus aufeinander treffen, war so eine beinahe ethnologisch anmutende Erkundungstour durch den Mikrokosmos eines Ortes, der manchen Menschen Heimat ist und anderen nur Durchgangsstation. Auch ihr neuer Film Endstation der Sehnsüchte fällt durchaus in diese Kategorie, wenngleich es dieses Mal weniger um verschiedene Milieus, sondern durchaus um ein echtes Aufeinanderprallen der Kulturen geht.
In den Sechzigerjahren kamen sie aus ihrer Heimat in ein neues Land: Zahlreiche Südkoreanerinnen zog es nach Deutschland, wo sie als Krankenschwestern arbeiteten (schon damals gab es hierzulande einen Pflegenotstand den es zu lindern galt), die Sprache lernten, sich in deutsche Männer verliebten, heirateten und heimisch wurden. Doch die Sehnsucht nach der alten Heimat hat sie nie verlassen. Als die koreanische Regierung für all die Heimkehrer aus Deutschland auf der Halbinsel Namhae ein Modelldorf namens Dogil Maeul, das „deutsche Dorf“ errichtete, zögerten einige der Krankenschwestern nicht und zogen mitsamt ihren deutschen Ehemännern in die Siedlung, die sich mittlerweile zu einem beliebten Ausflugsziel der Südkoreaner gemausert hat. Sehr zu Leidwesen der Bewohnerinnen und ihrer Ehemänner.

Drei Paare hat sich Sung-Hyo Cho ausgeguckt und begleitet sie mit der Kamera: Yong-Sook, Woo-Ja und Chun-Ja und ihre Gatten Willi, Ludwig und Armin leben ihren ganz eigenen Spagat zwischen Deutschland und Korea, sie sind in beiden Ländern ein bisschen zuhause, doch in keinem richtig. Zwischen gutem deutschem Vollkornbrot, Gartenzwergen, Volkstanzgruppen und einer echt deutschen Kaffeetafel sind die drei Paare manchmal liebenswürdige, manchmal bärbeißige ältere Damen und Herren, die irgendwie zwischen alle Stühlen sitzen. Immer wieder schwingt, auch bei den gebürtigen Südkoreanerinnen, die Sehnsucht nach Deutschland durch, nach der Sauberkeit, die sie in Südkorea so schmerzhaft vermissen.

So schwingt bei diesem Film neben der Komik, die sich niemals lustig macht über die in doppelter Hinsicht Entwurzelten, immer auch Melancholie mit. Und eine Art von Bangigkeit, die einen darüber nachgrübeln lässt, was denn mit Willi, Armin und Ludwig passiert, wenn eine ihrer Gattinnen vor ihnen stirbt und sie allein in der Fremde zurückbleiben. Im Gegensatz zu ihren Frauen nämlich sind die Männer in ihrer neuen Heimat so gut wie gar nicht integriert, sprechen allenfalls ein paar Brocken Koreanisch und fühlen sich eigentlich nur im Schutz des deutschen Reservates sicher. Da wird selbst ein Besuch von Verwandten und Freunden zu einer pantomimischen Nummer, denn außer mit ihren Frauen, die Deutsch sprechen und den Leidensgenossen – also den Deutschen – haben sie niemanden, mit dem sie sprechen können.

Umso froher sind sie offensichtlich, sich gegenüber der Kamera öffnen zu können. Wovon sie dann auch regen Gebrauch machen, sich ausgiebig über Frauen und den mangelnden Ordnungssinn der Koreaner auslassen und dabei ein ums andere Mal nicht gerade glücklich aussehen.

Mit der Neugier und der Vertrautheit einer Regisseurin, die beide Länder und beide Kulturen kennt, erkundet Sung-Hyung Cho das deutsche Dorf und fördert allerlei Momente zu Tage, die Auskunft geben über das Gefühlsleben und die Befindlichkeiten seiner Bewohner. Und die sind durchaus dazu angetan, dass sich neben einem Gefühl des amüsierten Zuschauens auch Nachdenklichkeit mischt. Über das Älterwerden, das Gefühl der Heimatlosigkeit und die Frage, was mit all jenen Menschen eigentlich passiert, die ihr Heil in der Hoffnung auf ein besseres Leben und aus lauter Deutschlandmüdigkeit irgendwo im Ausland suchen und dabei vergessen, dass man die (geliebte oder ungeliebte) Heimat überallhin mitnimmt. Sei es als verblassende Erinnerung oder als Sehnsucht.

Endstation der Sehnsüchte

Gäbe es im Dokumentarfilm wie im Spielfilm Genrebezeichnungen, müsste man die Arbeiten der aus Südkorea stammenden und in Deutschland arbeitenden Filmemacherin Sung-Hyo Cho wohl am ehesten als „Heimatfilme“ bezeichnen. Bereits Full Metal Village, dieses liebevolle Porträt des norddeutschen Ortes Wacken, in dem während des Heavy Metal Festivals zwei vollkommen verschiedene Milieus aufeinander treffen, war so eine beinahe ethnologisch anmutende Erkundungstour durch den Mikrokosmos eines Ortes, der manchen Menschen Heimat ist und anderen nur Durchgangsstation.
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