Ema (2019)

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Kaum ein Film in Venedig traut sich so viel wie „Ema“ von Pablo Larraín. Es ist eine Vertrauensübung mit dem Zuschauer und was der aushalten muss! Nämlich wie großartig Mariana Di Girolamo ihre Hauptrolle spielt. 

Ema (2019)

Eine Filmkritik von Maria Wiesner

Spiel mit dem Feuer

Pablo Larraín verrät viel über seine Hauptfigur in den ersten Minuten seiner Filme. In „The Club“ etwa sieht man einen alten Mann in der Dämmerung am Strand, der einen Windhund in endlosen Kreisen einem Stöckchen hinterherjagen lässt. Der Kreis, der sich hier mit jeder Drehung in den Sand gräbt, kann als Metapher für das Verharren des Mannes an diesem Ort gesehen werden, an den ihn eine frühere Tat (er hat als Priester Messdiener missbraucht) festhält. Die schicksalhafte Wendung in jenem Film wird nicht nur ihn, sondern auch den Hund treffen. Was Larraín hier zeigt, ist also immer ein kondensierter Ausblick auf das Kommende. So als wolle er mit einem verteufelten Augenzwinkern schon dort sagen: Sei vom Ende nicht überrascht, du hast es doch schon am Anfang gewusst.

In seinem neuen Film Ema, der in Venedig im Wettbewerb Premiere feierte, prüft er den Zuschauer schon bevor die Bilder kommen: Aus den Boxen dröhnt das Knistern von Flammen, die Leinwand bleibt schwarz, genau die eine Sekunde zu lange, um sich zu fragen, ob mit dem Film etwas nicht stimmt, ob die Bildspur ausgefallen ist. Man rutscht nervös im Kinosessel hin- und her — und genau das soll man auch. Ema ist eine Vertrauensübung über 102 Minuten zwischen dem Zuschauer und dem Kunstwerk. Wer sich hier nicht bedingungslos Regisseur und Hauptdarstellerin anvertraut, könnte nämlich versucht sein, das Kino vorschnell zu verlassen, denn „Ema“ ist alles andere als einfach. 

 

Die Titelgebende Hauptdarstellerin, grandios intensiv gespielt von Mariana Di Girolamo, hat einen Hunger in ihren einnehmenden großen Augen, das man Angst vor ihr hat. Das passiert so gut wie nie. Hat man sonst doch immer Angst um die Frauen in Filmen, dass sie vergewaltigt werden oder ihnen schreckliche Dinge passieren, dass Männer sie schlagen oder betrügen, dass sie zu schwach scheinen, für das was ihnen da bevorsteht. Nicht so Ema. Diese Frau kennt das Gefühl Angst anscheinend nicht einmal. Sie ist so gnadenlos selbstbewusst und zielstrebig, wie man es sehr, sehr lange nicht mehr in einem Film erlebt hat. 

Ema ist Tänzerin im chilenischen Valparaiso und lebt zusammen mit Gastón (Gael García Bernal), dem Choreografen ihrer Tanztruppe. Das Paar hatte ein acht Jahre altes Waisenkind aus Kolumbien adoptiert, doch nach nur zwölf Monaten entschied sich die Mutter, ihn „zurückzugeben“, da er mit Feuer spielte und jemanden verletzt hat. Ihr Umfeld reagiert entsetzt über die Entscheidung. Und auch Ema scheint es sich noch einmal überlegt zu haben. Ganz am Anfang ist sie bei der Sozialbeamtin, die sie mit den Worten fortscheucht, dass ihr Sohn längst von einer neuen Familie aufgenommen wurde. Ab da steht fest, Ema wird in den Krieg ziehen, wie es ihre Freundinnen aus der Tanzgruppe formulieren. Was nun folgt, ist ein Feldzug durch die Nacht von Valparaiso, das so etwas wie das Portland Chiles zu sein scheint. Ema tanzt, als hätte sie Sex. Und hat Sex, als gäbe es kein Morgen mehr. Sie hat Gespielinnen, beginnt Affären, besorgt sich einen Feuerwerfer, tritt einen neuen Job an.

Es ist der erste Film, in dem Larraín sich nicht mit einem historischen Thema beschäftigt. Er nimmt sich hier die junge Generation Chiles vor. Die, die aus guten Familien stammen, aber sich verwirklichen wollen, die sich um die Zukunft sorgen, die Umwelt ernst nehmen und in ihren Beziehungen die Grenzen von Begriffen wie „Familie“ komplett neu definieren und für die Geschlecht keine Kategorie mehr ist. Der Film nähert sich dieser Generation über Tanz. Er zeigt eine Tanzperformance vor einer pulsierenden Kugel, die im Verlauf der Aufführung immer roter und heißer wird, sodass am Ende die Tänzer vom Schein eines planetaren Feuers verschlungen werden, während ihre Körper im Rhythmus beben. Ema lebt den Tanz. Man sieht sie, wie sie auf einer Hafenmauer ihrem eigenen Rhythmus folgt. Sie übt die Bewegungen nicht. Sie ist der Tanz. In zwei wunderschönen Minuten mutet der Film wie ein Musikvideo an. Kurz hintereinander geschnitten sieht man Ema und ihre Freundinnen zu Reggaeton auf der Straße, im Club, am Hafen, über dem Meer tanzen. Der Choreograph Gastón wird später eine wilde Tirade auf die Dekadenz der Reggaeton-Rhythmen halten, zu der Ema und ihre Freundinnen ihre Hüften kreisen lassen. Für Gastón ist es das Ende der Kunst, für die zwölf Jahre jüngere Ema ist es Freiheit.

Überhaupt ist diese Beziehung zu Gastón einer der interessantesten Punkte dieses Films. Die Ruhe mit der sie seine Anschuldigungen hinnimmt, wenn er ihr vorwirft, den Adoptivsohn trotz dessen Liebesbeteuerungen zurückgegeben zu haben, diese Ruhe ist keine Schwäche, im Gegenteil, und das versteht man erst ziemlich spät, speist sie sich aus der Überzeugung, dass sie als Paar doch ganz gut funktionieren, dass sie in ihrer Kunst das gleiche wollen. Nur menschlich muss Gastón eben noch einiges lernen, doch auch dafür wird Ema sorgen. 

Selten war das Notizbuch am Ende eines Films so voller Sätze mit Fragezeichen. Wer ist hier gut und wer böse? Und kann man dieses Konzept hier überhaupt anwenden? Wie jeder herausragende Geschichtenerzähler gibt auch Larraín nie platte Antworten, seine Figuren sind immer ambivalent. Man konnte in The Club das Handeln jeder Figur mittels gekonnter Erzählung nachvollziehen, sowohl das der Priester, die die Kinder missbraucht hatten, als auch das des Vatikanermittlers, der sich korrumpieren lässt. Man konnte in Post Mortem sowohl die politische Aktivistin verstehen, als auch die Eifersucht ihres Nachbarn. Man hat zu diesen Figuren nicht immer einen emotionalen Zugang, soll heißen, Larraín manipuliert seine Zuschauer nicht dazu, einfach Mitleid mit den Protagonisten zu haben. Er gestaltet seine Figuren lieber so, dass sie intellektuell nachvollziehbar sind. So dass man am Ende weiß, warum sie wie gehandelt haben und trotzdem vor ihren Taten und der Erkenntnis darüber erschrecken kann. Es gibt keine platte Zeigefinger-Moral in diesen Filmen, vielmehr soll der Zuschauer selbst nachdenken und sich ein Bild machen. So wie man in Post Mortem bis zur letzten Szene warten musste, damit sich der Bogen zum ersten Bild des Filmes schließt und die Handlung sich mit dem Schlussstein zusammen puzzeln ließ, so sitzt man auch in Ema gebannt bis zur letzten Minute. 

Und die muss man auch abwarten, um aus dem Labyrinth in das Ema einen geführt hat, wieder herauszufinden und das Ausmaß der Verstrickungen zu verstehen, für das man alle Hinweise bekommen hat, aber sie eben erst hier komplett zusammensetzen kann. Wie oft passiert so etwas schon? Für gewöhnlich ahnt man doch schon während der Hälfte eines Films, welche zwei, drei Enden nun möglich sind und ist dann nur noch mäßig überrascht, wenn die Figuren sich entscheiden, hofft maximal, wenn man sie halbwegs sympathisch findet, dass ihr Ende nicht die schlimme Variante wird. Ema aber überfährt einen mit jener Wucht, mit der die Hauptfigur durch den Film marschiert. Und man lässt sich gern davon überfahren.

Ema (2019)

Ein Paar setzt sich mit den Nachwirkungen einer schiefgegangenen Adoption auseinander, während zeitgleich ihr gemeinsamer Hausstand immer mehr einem Scherbenhaufen gleicht. 

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