Elle ne pleure pas, elle chante

Elle ne pleure pas, elle chante

Eine Filmkritik von Joachim Kurz

Sprich mit ihm!

Von einem Moment auf den anderen kann alles vorbei sein. Und dann ist es zu spät, um all das Unausgesprochene, all das Aufzuarbeitende noch loszuwerden. Für Laura (Erika Sainte) noch nicht ganz zu spät, denn noch lebt ihr Vater. Aber wie lange noch, das kann ihr keiner sagen. Nach einem Verkehrsunfall liegt er im Koma, aus dem er vielleicht nicht wieder erwachen wird. Doch er hört sie, da ist sie sich ganz sicher. Und wenn sie ihm alles gesagt hat, dann, so spricht sie es aus, dann erst kann er sterben.
Man ahnt es als Zuschauer schnell, was die zierliche junge Frau und den massiven Mann, der wie ein schlafender Riese in seinem Bett im Krankenhaus liegt, jenseits der Blutsbande aneinander kettet, denn Laura lässt es ihren Worten von Anfang an nicht an Deutlichkeit fehlen. Bis zu ihrem zwölften Lebensjahr wurde sie von ihrem Vater missbraucht. Und auch heute, viele Jahre später, kann sie dies nur deshalb aussprechen, weil dieser Mann, dieser Täter, ihr eigener Vater, bewusstlos dahin gestreckt auf dem Bett liegt.

Über diese Gespräche, die in Philippe de Pierponts Films Elle ne pleure pas, elle chante nur eine kurze Spanne einnehmen, brechen die Verhärtungen und Verletzungen, die Laura seit langer Zeit mit sich herumträgt, wieder auf. Doch es ist ein heilsamer Schmerz, durch den sie lernt, sich zu öffnen und auch mit den anderen Mitgliedern ihrer Familie zu sprechen über das, was damals geschah. Die Reaktionen sind unterschiedlich – während ihr Bruder voller Mitleid für sie ist, will ihre Mutter das Bekenntnis keinesfalls annehmen und bezichtigt stattdessen Laura der Ich-Bezogenheit und Bösartigkeit gegenüber dem wehrlosen Vater.

Auch in ihr Liebesleben kommt Bewegung: Sehen wir sie zu Beginn noch mit einem Mann, der sie heiraten will, ist dieser plötzlich passé und prompt steht ein neuer Liebhaber vor der Tür. Sobald ihr aber einer ihrer Bekannten, die sie gerne auch mal nachts zu sich bestellt, zu nahe kommt, blockt Laura ganz schnell ab und trennt sich – so geht das vermutlich schon lange Zeit. Wie sollen die Männer aber auch von Lauras Verletzlichkeit wissen und von ihren Erfahrungen, wenn sie doch nichts ahnen von dem jahrelangen Inzest, den die junge Frau hinter verschiedenen Masken vor ihrer Umwelt verbirgt.

Ganz behutsam und zurückhaltend, aber mit einem starken, überaus sensiblen Drehbuch und hervorragenden Schauspieler hat sich der belgische Regisseur Philippe de Pierpont des schwierigen Themas angenommen. Erstaunlich ist dabei zu beobachten, wie feinfühlig Inszenierung und Skript mit den Erwartungen des Zuschauers und dessen Einfühlungsvermögen jonglieren – denn immer just zu dem Zeitpunkt, an dem man sich als Zuschauer Fragen stellt, werden diese wie von Zauberhand direkt anschließend aufgegriffen und wenn schon nicht aufgelöst, so doch zumindest behandelt. Überhaupt scheut der Film (einfache) Antworten und lässt am Ende einiges im Ungewissen. Dennoch weiß man, spürt man, dass dieser Schritt Lauras aus dem Schweigen heraus längst überfällig war und dass er ihr helfen wird, ihr Leben zu meistern.

Elle ne pleure pas, elle chante ist ein erstaunlich ruhiger und dabei zutiefst emotionaler Film geworden, der am 16. November 2011 in Belgien seinen Kinostart hatte. Ob er es auch hierzulande auf regulärem Weg auf die Leinwände schafft, steht bislang noch nicht fest – verdient hätte er es aber auf jeden Fall.

Elle ne pleure pas, elle chante

Von einem Moment auf den anderen kann alles vorbei sein. Und dann ist es zu spät, um all das Unausgesprochene, all das Aufzuarbeitende noch loszuwerden. Für Laura (Erika Sainte) noch nicht ganz zu spät, denn noch lebt ihr Vater. Aber wie lange noch, das kann ihr keiner sagen.
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Meinungen
Gernot Becwar · 10.07.2013

Ich sah den Film im Fernsehen - weiß aber nicht mehr auf welchem Kanal - es war keinesfalls ORF Der Film hat mich sehr berührt. Vor allem auch, weil die Form des Umganges mit Menschen, die im Koma liegen, meist von Falschheit geprägt ist. Niemand sagt die Wahrheit - es wird nur das Schöne herbeigezaubert. Man spürte fast körperlich die Erleichterung, als die Tochter ihre Wut herausgesagt hatte und sich verabschiedete. Schade dass es keine DVD in deutscher Sprache von diesem Film gibt.

ps323@online.de · 27.01.2013

Sehr beeindruckender Film. Die Szene, in der die Mutter sie auch noch beschuldigt, ist fast nicht auszuhalten. Man kann sich sehr gut vorstellen, warum so viele Kindheitstrauma Kinder für das Leben schädigen, wenn so eindrucksvoll sieht, wie schwer es ist, sich zu befreien!
Die Filmmusik dazu ist sehr bedrückend. Ich suche, bin aber noch nicht fündig geworden. Google kennt einen Kris Dano nicht und mehr konnte ich nicht entziffern. Ist es möglich, mir per Mail ,Infos zkommen zu lassen?

Kommentare

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