Elektrokohle (Von Wegen)

Elektrokohle (Von Wegen)

Eine Filmkritik von Joachim Kurz

Der kurze Winter der Anarchie

In diesem Winter war alles möglich. Kurz zuvor, am 9. November 1989 war die Mauer geöffnet worden. Doch der Staat, der diese Mauer aufgebaut, existierte noch. Wohin die Reise der damaligen DDR gehen würde, ob sie weiter als unabhängiger Staat existieren oder wiedervereinigt werden würde, das war zu diesem Zeitpunkt noch völlig offen. Mitten in dieser unsicheren Situation gab die (West-)Berliner Industrial-Band Einstürzende Neubauten ihr erstes Konzert im Osten der Stadt. Und nichts reflektierte das Brüchige und Dissonante, das Experimentelle und Energiegeladene jener Tage besser als die Musik der Musiker um Blixa Bargeld.
Als diese sich von Kreuzberg nach Lichtenberg zum VEB Elektrokohle aufmachten, war dies wie eine Reise in ein seltsam vertrautes und doch vollkommen fremdes Land. Nach wie vor gab es Grenzkontrollen, doch die uralten Fronten bröckelten auch an diesem Tag. So hob der damalige DDR-Verteidigungsminister Theodor Hoffmann zu diesem Datum (das übrigens auch den Geburtstag Stalins markiert) den Schießbefehl an der Mauer auf, begannen abends auf der DDR-Seite die Abrissarbeiten zum Mauerdurchbruch am Brandenburger Tor, wurde der Reiseverkehr zwischen der Bundesrepublik und der DDR neu und freizügiger geregelt. Und unter den Menschen herrschte Aufbruchsstimmung und eine Ahnung, eine Idee von völliger Offenheit und Freiheit. Ein Gefühl, dass die meisten von ihnen seit vielen Jahren schmerzlich vermisst hatten.

Auch die Musiker der Einstürzenden Neubauten waren gespannt wie selten zuvor bei einem Konzert: Wer würde das Publikum sein? Stimmte es, dass die Karten vorher unter der Hand an Mitglieder der FDJ gegangen waren? Wie würde die Musik der Neubauten ankommen?

Genau diesen Fragen spürt der Filmemacher Uli M. Schueppel in seinem Film Elektrokohle (Von Wegen) nach und wagt mit einigen der Konzertbesucher von damals den Blick zurück auf einen Tag, der ein ganz besonderer war. Er begleitet die Fans von damals (die die Songs der Neubauten durch illegale Bootlegs haargenau kannten und die samt und sonders zu den Außenseitern und den Widerspenstigen der DDR-Gesellschaft gehörten) auf ihrem Weg von Zuhause zu dem Wilhelm-Pieck-Saal der VEB Elektrokohle. Während die Neubauten selbst nur in den Archivaufnahmen vom 21.12. 1989 auftauchen, räumt Schueppel den Besuchern von damals den meisten Raum in seinem Film ein, lässt sie sich erinnern, sich verirren (weil viele der Straßen von damals umbenannt wurden und sich das Antlitz der Stadt sowieso kräftig verändert hat). Auf diese Weise entsteht ein Mosaik, ein Stück Zeit- und Stadtgeschichtsschreibung und sehr persönliche Vergangenheitsbewältigung, das nicht nur Fans der Einstürzenden Neubauten gefallen dürfte. Und beinahe sehnt man sich diesen Geist von damals wieder zurück, das Gefühl, dass die Zukunft (die persönliche ebenso wie die politische) weit offen vor einem liegt und nur darauf wartet, angepackt und verändert zu werden.

Elektrokohle (Von Wegen)

In diesem Winter war alles möglich. Kurz zuvor, am 9. November 1989 war die Mauer geöffnet worden. Doch der Staat, der diese Mauer aufgebaut, existierte noch. Wohin die Reise der damaligen DDR gehen würde, ob sie weiter als unabhängiger Staat existieren oder wiedervereinigt werden würde, das war zu diesem Zeitpunkt noch völlig offen.
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