Einer flog über das Kuckucksnest

Einer flog über das Kuckucksnest

Eine Filmkritik von Marie Anderson

Dienstag, 20. Januar 2015, ARTE, 00:05 Uhr

Nach dem gleichnamigen Bestsellerroman des US-amerikanischen Autors und Aktionskünstlers Ken Kesey von 1962 entstand mit Einer flog über das Kuckucksnest unter der Regie von Miloš Forman 1975 einer der markantesten und erfolgreichsten Filme New Hollywoods, der in den so bezeichneten „Big Five“-Kategorien als Bester Film, für die Beste Regie, das Beste Drehbuch, die Beste Hauptdarstellerin und den Besten Hauptdarsteller mit dem Academy Award ausgezeichnet wurde. Hatte Ken Kesey damals seine Idee für die Geschichte über die Insassen einer Irrenanstalt im Rahmen einer Aushilfstätigkeit in der psychiatrischen Abteilung eines Krankenhauses für Vietnam-Veteranen ersonnen und nimmt sein Roman die Perspektive des schweigsamen Chief Bromden ein, bildet im Film der gewiefte Randall McMurphy den Mittelpunkt der geschickt konstruierten Dramaturgie, die sich nach zunächst überwiegend heiterer Grundstimmung zu einer tragischen Parabel über die durchsetzungsfähige Deutungsmacht der institutionalisierten Psychiatrie auswächst.
Mit dem Erscheinen dieses wegen Unzucht mit einer Minderjährigen verurteilten Gefangenen, der wegen Schlägereien vorbestraft ist und nun hinsichtlich seiner geistigen Gesundheit hier beobachtet werden soll, gerät die strenge Struktur einer geschlossenen psychiatrischen Station ganz gehörig ins Wanken: Randall McMurphy (Jack Nicholson) mit seiner freiheitsliebenden, exaltierten Art und seiner Vorliebe für Kartenspiel und Wetten etabliert sich unter den Patienten zum beliebten Aufwiegler des Tagesgeschehens, ganz zum verhaltenen Unmut der „großen“ Schwester Miss Ratched, die befürchtet, die Kontrolle über ihre verängstigten Schutzbefohlenen zu verlieren. Doch der stotternde, verschüchterte Billy Bibbit (Brad Dourif), der weinerliche Charly Cheswick (Sydney Lassick), der als taubstumm geltende, hünenhafte Chief Bromden (Will Sampson) und auch andere Männer der Station tauen unter diesem frischen Einfluss allmählich auf und entwickeln neue Lebenskräfte jenseits ihrer psychischen Probleme.

So entspinnt sich ein mal mehr, mal weniger offen ausgetragenes Duell zwischen Miss Ratched und McMurphy, der einige Fluchtmöglichkeiten verstreichen lässt und sich insgeheim mit Chief Bromden verbündet, der nach Jahren seiner möglichst unauffälligen Anwesenheit nun ebenfalls daran denkt, die Anstalt zu verlassen. Nach einer Zwangsbehandlung mit Elektroschocks entschließt sich McMurphy dazu, gemeinsam mit dem Chief die Biege zu machen, aber in der Nacht zuvor lässt er es mit Unterstützung zweier Freundinnen und einiger Flaschen Schnaps, die er einschleust, noch einmal kräftig auf der Station krachen. Doch das Erwachen am Morgen gestaltet sich ganz anders als geplant, und nun eskalieren die unterdrückten Energien aller Beteiligten ganz gewaltig …

Es sind zuvorderst die unsagbar intensiven, schlichtweg großartigen Schauspielkünste des gesamten Ensembles in seinen vielschichtigen Interaktionen, die Einer flog über das Kuckucksnest zu einem hervorragenden Bravourstück mit haltbarer Faszination und immenser Ausdruckskraft geraten lassen. Eine Vielzahl an prägnanten, bis ins Detail stimmigen, geradezu für die Ewigkeit inszenierten Einzelszenen fügt sich hier zu einem humanistischen, humorig durchwachsenen Aufbegehren gegen die stupide Pathologisierung existenzieller menschlicher Schwächen und auch Stärken, die einem starren System der Konformität entgegenstehen. Große Mienen und kleine Gesten verdichten sich dabei zu einem ganzen Universum an Zeichen und Symbolen mit schelmischer bis todernster Hintergründigkeit, die sich auf banale wie bedeutsame Bereiche erstrecken und besonders dort berühren, wo die Freiheit des Individuums an die Grenzen der Schicklichkeit, der Norm und auch der eigenen Ängste tickt.

Nicht zuletzt aufgrund seiner heute regelrecht klassischen, charmanten Schlüsselszenen und der wunderbar melancholischen Filmmusik von Jack Nitzsche stellt auch die wiederholte Sichtung von Einer flog über das Kuckucksnest nach wie vor ein fabelhaftes Filmvergnügen dar, das bei ARTE noch um die nachfolgende Dokumentation innerhalb der Filmreihe Es war einmal… ausgedehnt wird, die den Film in seinem historischen Kontext betrachtet.

Einer flog über das Kuckucksnest

Nach dem gleichnamigen Bestsellerroman des US-amerikanischen Autors und Aktionskünstlers Ken Kesey von 1962 entstand mit „Einer flog über das Kuckucksnest“ unter der Regie von Miloš Forman 1975 einer der markantesten und erfolgreichsten Filme New Hollywoods, der in den so bezeichneten „Big Five“-Kategorien als Bester Film, für die Beste Regie, das Beste Drehbuch, die Beste Hauptdarstellerin und den Besten Hauptdarsteller mit dem Academy Award ausgezeichnet wurde.
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