Eine fatale Entscheidung

Eine fatale Entscheidung

Eine Filmkritik von Jean Lüdeke

Eine eisgekühlte Expedition ins Reich der ernüchternden Ermittlungen

Mit einer verstörenden Symbiose zwischen der analytischen Sachlichkeit des Cinéma Vérités und der emotionalen Intensität eines Nouvelle Vague Filmes definiert der 39jährige Nordfranzose Xavier Beauvois das Genre des „Film Policier“ neu. Der gnadenlose Blick hinter die löchrigen Kulissen der Pariser Polizeiarbeit vereint einfach alles: Charakterstudien, Gesellschaftskritik, Dokudrama und Einzeltragödie.
Frisch aus der militaristischen Obhut der Polizeischule entlassen, tauscht Antoine (Jalil Lespert) Theorie und Uniform gegen die lässige Lederjacke und Handfeuer-waffe bei der Police Judicaire in der Seine-Metropole ein. Engagiert, unschuldig und idealistisch motiviert, lernt er sogleich den schonungslosen Alltag kennen; desolate Routine, zermürbte Kollegen und unterschwelliger Rechtsextremismus.

Auch seine Vorgesetzte, die gestandene Kommissarin Caroline Vaudieu (Frankreichs Nouvelle Vague-Ikone Nathalie Baye), zurzeit zwar trocken, kämpft jedoch immer wieder gegen ihre Alkoholprobleme. Sogleich breitet sie ihre schützenden Fittiche über den „kleinen Leutnant“ aus. Das Mutter-Sohn-Verhältnis erwächst zu einem geistig nahezu ödipalen, unzertrennlichen Gespann. Das ist das eigentlich zentrale Motiv dieses untypischen Polzeifilms, der aufgrund seiner leisen, langsamen wie gleichsam bedächtigen Bildsprache den konträren Gegenpol zur entfesselten und hektischen Kamera bildet, die Bertrand Tavernier 1992 mit seiner Drogenreportage L 627 – auf offener Straße kreierte.

Der äußere Rahmen, die für Antoine fatalen Ermittlungen gegen eine skrupellose russische Mörderbande, spielt dabei die sekundäre Rolle. Es ist als hätten die geistigen Urväter des neuen französischen Filmes, Robert Bresson und Francois Truffaut Pate gestanden; einerseits eine für den Zuschauer unerträgliche Sachlichkeit des Seins, zum anderen die zutiefst liebevoll inszenierte Affinität zu den Filmfiguren.

Äußerst ambitioniert kommt beides einher: „Die Wahrheit, und nichts anderes als die Wahrheit“ sollte es, so Beauvois sein. Dafür recherchierte er selbst in hartem Einsatz vor Ort im Kommissariat von Paris, lernte die Tristesse einer tatkräftigen Truppe lieben und hassen, bekleidete gar selbst eine Polizistenrolle. Dadurch derart ernüchtert, dass aus dem geplanten Hochspannungs-Thriller letztlich eine eisgekühlte Expedition ins Reich der ernüchternden Ermittlungen wurde.

Wesentlich erwärmender dagegen Nathalie Baye, die sich mit ihrer Rolle der Harten und Zarten zugleich den mittlerweile vierten César erspielte: Sie fokussiert den eigentlichen Kernpunkt dieses verstörenden Charakter-Kinos, auf ihr lastet die gesamte filmische Intention. Das Resultat: großes realistisches Kino, befreit von jeglicher Effekthascherei oder tumber teutonischer Weinerlichkeit.

Eine fatale Entscheidung

Mit einer verstörenden Symbiose zwischen der analytischen Sachlichkeit des Cinéma Vérités und der emotionalen Intensität eines Nouvelle Vague Filmes definiert der 39jährige Nordfranzose Xavier Beauvois das Genre des „Film Policier“ neu.
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