Eine Dame in Paris

Eine Dame in Paris

Eine Filmkritik von Joachim Kurz

Ziemlich beste Freundinnen?

Lächeln sieht man sie nur selten, doch beim Anblick des Arc de Triomphe in Paris kann Anne (Laine Mägi) sich ein Verziehen der Mundwinkel nicht verkneifen. So lange hatte sie, die einst Französisch studiert hatte, davon geträumt, einmal in der französischen Hauptstadt zu leben, doch dann kam die Hochzeit mit dem Säufer Toomas, später die Scheidung von ihm und dann die Sorge um die alte und kranke Mutter, die die Altenpflegerin davon abhielt, diesen Traum zu verwirklichen. Und natürlich in den ersten Jahren das Leben in der kommunistischen Sowjetunion, die nicht gerade für die Reisefreiheit bekannt war. Nun aber gibt es all diese Bande und Hindernisse nicht mehr, der saufende Ex-Mann ist nur noch ein lästiges Anhängsel, die Mutter gerade verstorben, die Kinder aus dem Haus und mit ihrem eigenen Leben beschäftigt – was also hält sie noch in Estland? Als das überraschende Angebot aus Paris kommt, dort für eine alte Exil-Estin als Altenpflegerin zu arbeiten, zögert Anne dennoch. Vielleicht ja nur deswegen, weil sie Angst hat und schon viel zu lange in ihrem tristen Trott verharrt, um sich daraus zu befreien.
Als Anne dann doch den Schritt in die Fremde wagt, wähnt sie sich zuerst im Regen in die Traufe gekommen: Frida, die alte Dame, für die sie sorgen soll (dargestellt wird sie von der "Grande Dame" des französischen Kinos Jeanne Moreau), entpuppt sich als kratzbürstiges und zänkisches Weib mit einer verhängnisvollen Neigung zu Selbstmordversuchen und einem Wesen, das weder in der Vergangenheit noch in der Gegenwart Skurpel zu kennen scheint. Und der Café-Besitzer Stéphane (Patrick Pineau), der Anne angeheuert hat, ist nicht etwa der Sohn der alten Dame, sondern trotz eines erheblichen Altersunterschiedes deren ehemaliger Geliebter, der aus schlechtem Gewissen heraus den Drachen nun eher widerwillig versorgt. Eingeschüchtert und verwirrt von der unangenehmen Situation und der offenen Feindseligkeit, die Frida ihr entgegenbringt, schafft es Anne nur langsam und mit viel Geduld, ihren eigenen Weg und auch einen Zugang zum versteinerten Herzen Herzen Fridas zu finden...

Inspiriert wurde der Film von der Lebensgeschichte der Mutter des Regisseurs Ilmar Raag, der nach langer Zeit ein ganz ähnliches Angebot widerfuhr, wie dies bei Anne geschieht. Sie verließ ihre Heimat und kehrte als anderer Mensch zurück. Diese Wandlung vollzieht sich auch bei der Protagonistin deutlich sichtbar: Wirkt sie zuerst noch wie eine graue Maus mit wärmender, aber entsetzlicher unmoderner Bekleidung und strenger Steckfrisur aus einer anderen Zeit, sehen wir sie später als beinahe echte Pariser Dame die Boulevards entlangstöckeln, es ist ganz offensichtlich, dass sie nun an Selbstbewusstsein gewonnen hat.

Schade ist daran nur, dass diese Veränderung auf den ersten Blick recht oberflächlich zu sein scheint und vor allem die zurückgewonnene sexuelle Attraktivität Annes hervorhebt: Wenn sie in ihrem schicken Kostüm die Straße entlanggeht, schauen ihr plötzlich die Männer hinterher und wenn sie gegen Ende das Café Stéphanes betritt und dieser ihr lange in die Augen schaut, dann spürt man deutlich, dass dieser sie längst nicht mehr nur als Angestellte, sondern auch als mögliche Liebes- oder zumindest Sexualpartnerin betrachtet. Dass der Film Annes Emanzipation ausgerechnet an solchen Oberflächenreizen festmacht, nimmt ihm am Ende doch einiges von den anfangs fein und dezent eingefädelten Motiven und der breit gefächerten Thematik. Die umfasst nämlich nicht nur die Verwandlung Annes vom hässlichen Entlein zum stolzen Schwan, sondern auch Reflektionen über das Exil, die Freundschaft, das Altern und den Tod.

Neben der ganz persönlichen Veränderung Annes gibt es noch eine weitere, die im Laufe des Films geschieht: Durch den Kontakt mit der Estin wird Frida mit ihrer Vergangenheit und ihren Wurzeln konfrontiert – beides, so muss man vermuten, hätte sie eigentlich lieber vermieden. Und ehrlich gesagt sind die Turbulenzen auch nicht dem stillen und zurückhaltenden Wesen Annes geschuldet, die eher als Katalysator denn als Impulsgeberin für die beginnende Aufarbeitung Frida fungiert. Wenn sich dann am Ende auch die alte Dame öffnet und zu verändern beginnt, dann ist der Weg endgültig frei für einen gemeinsamen Neuanfang, an dessen Ende aus diesen beiden Frauen vielleicht sogar "ziemlich beste Freundinnen" werden können. Das aber wäre und ist eine ganz andere Geschichte...

Eine Dame in Paris erzählt von Veränderungen, von Lebensabschnitten und deren Ende, von Übergängen und Neuanfängen. Und eigentlich tut er das auf sehr dezente Weise, mit vielen Grauabstufungen und mitunter feinen Zwischentönen. Umso bedauerlicher, dass ausgerechnet die Veränderung der Protagonistin Anne und der Sinneswandel Fridas mit grobem Strich gezeichnet sind. Hier, so scheint es, rächt sich die etwas schleppend vorgetragene Exposition, die am Ende zu wenig Zeit und Raum für eine schlüssigere Charakterentwicklung übrig lässt.

Dennoch lohnt sich der Kinobesuch – allein schon wegen der hinreißend schnoddrigen Jeanne Moreau und wegen Laine Mägi, die eine große Darstellerin des bislang weitgehend unbekannten Filmlandes Estland ist.

Eine Dame in Paris

Lächeln sieht man sie nur selten, doch beim Anblick des Arc de Triomphe in Paris kann Anne (Laine Mägi) sich ein Verziehen der Mundwinkel nicht verkneifen. So lange hatte sie, die einst Französisch studiert hatte, davon geträumt, einmal in der französischen Hauptstadt zu leben, doch dann kam die Hochzeit mit dem Säufer Toomas, später die Scheidung von ihm und dann die Sorge um die alte und kranke Mutter, die die Altenpflegerin davon abhielt, diesen Traum zu verwirklichen.
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Meinungen
hp · 25.04.2013

Anhand dieser voller neid grünen besprechung eines herrn, der seinem namen gemäß halt zu „kurz“ geraten und gekommen ist, kann man ermessen, wie leute vom heute mit der liebe (zum kino) umgehen! Wenn hier nicht gleich per handy zum poppen einladen wird, sondern diese kinoliebe erst entdeckt werden will (vgl. „schade ist nur…“) und der rezensent trotzdem merkt, dass da was läuft, dann macht man auf groß-gönnerisch und salbadert: „Dennoch lohnt sich der Kinobesuch…“ (kotzwürg)
Der film ist nach Hanekes „Amour“ wieder ein volltreffer, der großen schauspielerinnen die bühne gibt, die sie verdienen. Danach kann man sich von der popcornfiguren aus amerikanischen und deutschen-möchtegernamerikanischen filmen nur noch schaudernd abwenden! Zum großen kino reicht es eben nicht, wenn die bässe wummern und das licht nichtssagende fratzen in großformat auf die leinwand platzen lässt!! Ganz zu schweigen von langweiligen 0815-drehbüchern, bei denen jeder satz weltgeschichte produzieren will und nur dem zeitgeist am fußgelenk kratzt… hp

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