Ein schönes Mädchen wie ich

Ein schönes Mädchen wie ich

Eine Filmkritik von Marie Anderson

Eine egozentrische, lärmende Frauenfigur

Nach dem Roman des US-amerikanischen Schriftstellers Henry Farrell hat der französische Filmemacher François Truffaut diese rasante Komödie aus dem Jahre 1972 inszeniert, die sich um eine exaltierte Frauenfigur zwischen Femme Fatale und fiesem Früchtchen dreht.
Als der akribische, weltfremde Soziologe Stanislas Prévine (André Dussollier) die wegen Mordes verurteilte Camille Bliss (Bernadette Lafont) im Gefängnis besucht, um sie im Rahmen seiner Doktorarbeit über kriminelle Frauen ausführlich zu ihrer Lebensgeschichte zu befragen, ahnt er noch nicht, wie verhängnisvoll sich der Kontakt zu dieser so lebenshungrigen wie skrupellosen Gaunerin für ihn auswirken wird. Während Camille ihm von nun an regelmäßig bereitwillig und mit augenscheinlich schonungsloser Offenheit in ihrer reizend-räudigen Art die bedeutsamen Begebenheiten ihres rastlosen Daseins schildert und sich an seinen kleinen Mitbringseln erfreut, verfällt Stanislas zusehends ihrem kruden erotischen Charme. Indem er ihre Missetaten als Folge widriger Bedingungen interpretiert und sie als Opfer gesellschaftlicher Missstände betrachtet, steigert er sich in eine gefällige Beschützerrolle hinein, wobei es ihm schließlich in seiner engagierten Verliebtheit gelingt, ihre Unschuld zu beweisen. Doch kaum ist Camille auf freiem Fuß, verstrickt die berechnende Kanaille Stanislas in einen Mord, und dieses Mal ist es der verblendete Soziologe, der in den Knast wandert ...

Mit leichtgängigem, bissigem Humor und mitunter clownesken Übertreibungen in Schauspiel und Dramaturgie unterhält François Truffaut sein Kummer, Ambivalenzen und Melancholie gewohntes Publikum hier mit einer ordinären Frauenpersönlichkeit, die es mit einem ganzen Rudel begehrlicher, naiver bis durchtriebener Männer aufnimmt und sie letztlich alle zur Strecke bringt. In dem vulgären, selbstironischen Liedchen, das Camille gegen Ende des Films als nunmehr zur populären Sängerin aufgestiegene, rehabilitierte Mörderin zum Besten gibt, spiegelt sich noch einmal die gesamte Haltung und Geschichte dieser sorglosen Schurkin wider, die mit den Waffen einer Frau, die nichts zu verlieren hat, um die bestmögliche Ausbeute kämpft – und am Schluss damit triumphiert.

Ein schönes Mädchen wie ich verzichtet mit lässiger, provokanter Dynamik auf jegliche Moralisierung und Rührseligkeit, und der egozentrischen, lärmenden Frauenfigur wird lediglich die leise, dezente und aufrichtige Hélène (Anne Kreis), die Assistentin des Soziologen, als mahnende, doch machtlose Antagonistin gegenübergestellt. Dass die Bilder, die das Leben von Camille erzählen, bei Zeiten von ihren Schilderungen für Stanislas abweichen, erscheint als eine schelmische, oftmals unauffällige Finte, als führe auch der Regisseur seine Zuschauer an der Nase herum. Dieser Eindruck gipfelt in der satten Ironie am Ende, die ein spontanes Urteil über diese für François Truffaut ungewöhnliche Komödie zumindest verzögert.

Ein schönes Mädchen wie ich

Nach dem Roman des US-amerikanischen Schriftstellers Henry Farrell hat der französische Filmemacher François Truffaut diese rasante Komödie aus dem Jahre 1972 inszeniert, die sich um eine exaltierte Frauenfigur zwischen Femme Fatale und fiesem Früchtchen dreht.
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