Ein Mädchen aus Flandern

Ein Mädchen aus Flandern

Eine Filmkritik von Falk Straub

Verbotene Liebe

Hundert Jahre nach dem Ausbruch des Ersten Weltkriegs drängen unzählige Publikationen über den historischen Einschnitt auf den Markt, darunter auch ein weniger bekannter Film Helmut Käutners, der Maximilian Schell kurz vor Beginn seiner Weltkarriere zeigt.
Carl Zuckmayer und Helmut Käutner — diese Kombination hat dem deutschen Kino mehr als einen Klassiker beschert. Nachdem sich der Regisseur bereits Zuckmayers Theaterstück Des Teufels General angenommen hatte, setzte er sich kurz darauf mit dessen Novelle Engele von Loewen auseinander, die er als Ein Mädchen aus Flandern 1956 auf die Leinwand brachte. Später sollten mit Der Hauptmann von Köpenick (1956) und Der Schinderhannes (1958) zwei weitere Zuckmayer-Verfilmungen folgen.

In Ein Mädchen aus Flandern verliebt sich der junge Offizier Alexander Haller (Maximillian Schell) bei einem Aufenthalt im belgischen Molenkerk in das titelgebende Mädchen Angeline (Nicole Berger). Die Wirren des Krieges reißen die beiden auseinander, bevor sie sich 1918 in Brüssel wiederbegegnen. Die Liebe zu Angeline, die sich in der Zwischenzeit als Zigarettenmädchen in einem Bordell verdingt, bringt Alexander dazu, sich unerlaubt von der Truppe zu entfernen und dem Widerständler Monsieur le Curé (Viktor de Kowa) zu helfen. Vors Kriegsgericht gestellt rettet ihn schließlich ein Arbeiter- und Soldatenrat.

Mitten in die Dreharbeiten zu Ein Mädchen aus Flandern fiel die Gründung der Bundeswehr — für den Friedensstreiter Käutner eine Bestätigung, das Stück des Antifaschisten Zuckmayer umzusetzen. Obwohl im Ersten Weltkrieg angesiedelt weisen sowohl Zuckmayers Vorlage als auch Käutners Umsetzung deutliche Anspielungen auf den Zweiten Weltkrieg auf.

Käutners Position ist eindeutig. Friedl Behn-Grunds sehr agile Kamera zeigt eine Welt, in der Prostituierte mehr Weisheit und Verstand als kadavergehorsame Militärs besitzen und ein jüdischer Widerständler eine Lanze für die Völkerverständigung bricht. Von Alexander auf seine Herkunft angesprochen entgegnet le Curé: „Ich hatte bislang so viel Mühe, ein Mensch zu sein, dass mir wenig Zeit übrig blieb, mir auch noch über meine Zugehörigkeit zu einer Nation oder Rasse Klarheit zu verschaffen.“ Die wohl durchdachten Sets sind wahre Seelenlandschaften. Die Figuren darin stellen ihre Gefühle stets hintan, bis Alexander und Angeline ihre Liebe schließlich der Pflicht vorziehen.

Ein Mädchen aus Flandern ist sicher nicht Käutners bester Film. Der moralische Impetus wirkt oft etwas hölzern, die Liebesgeschichte als notwendige sentimentale Antriebsfeder der Handlung ein wenig zu konstruiert — vom Happy End, das wie Deus ex Machina über den Zuschauer hereinbricht, ganz zu schweigen. Dennoch überzeugt der Film über weite Strecken durch subtilen Musikeinsatz, gutes Schauspiel und eine stimmige Mise en scène, schlicht durch perfektes Handwerk, wie es in deutschen Nachkriegsfilmen selten ist. Da die DVD allerdings keine restaurierte Fassung bietet, trüben Rauschen, Knacken und leichte Verunreinigungen den Filmgenuss. Die ursprüngliche Strahlkraft von Friedl Behn-Grunds Bildern lassen sich so nur erahnen.

Ein Mädchen aus Flandern

Hundert Jahre nach dem Ausbruch des Ersten Weltkriegs drängen unzählige Publikationen über den historischen Einschnitt auf den Markt, darunter auch ein weniger bekannter Film Helmut Käutners, der Maximilian Schell kurz vor Beginn seiner Weltkarriere zeigt.
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