Ein kurzer Film über die Liebe

Ein kurzer Film über die Liebe

Eine Filmkritik von Marie Anderson

Das große Gefühl und seine Abgründe

Ursprünglich als sechster Teil der Dekalog-Reihe des polnischen Regisseurs Krzysztof Kieślowski für das Fernsehen inszeniert war dieser düstere Film mit dem beinahe fröhlichen Titel Ende der 1980er Jahre auch in den Kinos zu sehen. Ein kurzer Film über die Liebe / Krótki film o miłości, der im Geiste des sechsten Gebots Du sollst nicht ehebrechen entstand, wurde ebenso wie sein Vorgänger Ein kurzer Film über das Töten / Krótki film o zabijaniu zum fünften Gebot von der internationalen Filmkritik begeistert aufgenommen und auf Festivals mit einigen Preisen ausgezeichnet.
Es liegt eine unsagbar triste Atmosphäre über dem anonymen Hochhaus-Komplex, in dem der 19jährige Tomek (Olaf Lubaszenko) das Zimmer eines Freundes, der sich gerade auf einer ausgiebigen Reise befindet, bewohnt. Dessen Mutter (Stefania Iwińska) ist ihm herzlich zugetan und stellt die einzige soziale Bindung des jungen Mannes, der in einem Heim aufwuchs, dar, ebenso wie er für sie, die Briefe ihres Sohnes aus der Ferne ausgenommen – nicht einmal mit seinen Kollegen bei der Post fällt ein persönliches Wort. Doch den wenigen übrigen Protagonisten ergeht es nicht anders, so wie der Künstlerin Magda (Grażyna Szapołowska), einer attraktiven allein lebenden Frau mittleren Alters, deren nähere menschliche Verbindungen lediglich in gleichzeitig unterhaltenen Affären zu wechselnden Männern bestehen. Auch Tomek befindet sich in enger Beziehung zu Magda, allerdings absolut einseitig, denn diese ahnt zunächst nicht einmal etwas davon.

Seit einem Jahr bereits beobachtet der stille Tomek von seinem Zimmer aus die gegenüberliegende Wohnung Magdas und damit auch ihr turbulentes Liebesleben, und er passt seinen Tagesrhythmus immer stärker seiner geheimen Obzession mit dem Fernrohr an. Es ist aber nicht sexueller Voyeurismus, der ihn antreibt, denn er hat sich ernsthaft in Magda verliebt und inszeniert zunehmend Situationen, in denen er ihr begegnen kann. Anfangs verärgert und befremdet, als sich Tomek ihr zögerlich offenbart, keimt bei der vom Leben desillusionierten und enttäuschten Frau bald von mildem bis zynischem Spott begleitetes Interesse und schließlich auch Zuneigung für den seltsamen Jungen auf, der offensichtlich noch an so etwas wie die Liebe glaubt; eine Vorstellung, von der sie sich längst verabschiedet hat. Es beginnt eine Art existentielles, wortkarg ausgetragenes Duell zwischen Magda und Tomek, in dem der junge Mann die reife Frau von seiner aufrichtigen, reinen Liebe zu überzeugen bemüht ist, die nichts will und nichts fordert, während die verbitterte Frau ihm seine weltfremde Naivität und die rohe Macht der sexuellen Begierde aufzeigt, ohne Rücksicht auf die zarten, idealistischen Empfindungen seiner ersten Verliebtheit.

Die erfahrene Magda siegt letztlich, wenn man bei einer derartigen Konstellation überhaupt in dieser Kategorie denken kann, doch der Triumph bleibt aus, denn als der verwirrte und verzweifelte Tomek schließlich seine mühsame Haltung verliert, bemerkt sie zu spät, wie sehr sie ihn mit ihrem Sarkasmus und ihrer wenig sensiblen sexuellen Aufdringlichkeit, der er sich nicht entziehen konnte, verletzt hat. Nun ist es Magda, die unablässig an ihn denkt und sich um Tomek bemühen will, doch zunächst bleibt er ihrem Einfluss entzogen, denn nach einem Suizidversuch liegt dieser im Krankenhaus, liebevoll umsorgt von seiner Ersatz-Mutter, die Magda von ihm fern halten will ...

Es ist die triste, unentrinnbare Intensität der so banal tragischen Figuren auf ihrem engen Terrain, die den Zuschauer in eine schwer erträgliche Nähe zu diesen zwingt, die in ihrer Verlorenheit und Einsamkeit an die düsteren Befindlichkeiten der menschlichen Existenz gemahnen, die kaum jemandem fremd sein dürften. Trost hat Kieślowski kaum installiert, ebenso wenig wie konkrete Anhaltspunkte dafür, in welchem Zusammenhang sein Film zum sechsten Gebot mit dem Ehebruch steht, der in der Geschichte nicht vorkommt. Doch es ist zweifellos eine Qualität von Ein kurzer Film über die Liebe / Krótki film o miłości, unmittelbar darzustellen und wenig zu erklären, so dass der spärliche Raum, den die Bilder eröffnen, sich in der Gedankenwelt des Zuschauers in dem Maße entfalten kann, in dem sich dieser davon berühren lässt. Die unterschwellige Moral, die durch die übergeordnete Thematik der zehn Gebote anwesend ist, bleibt unaufdringlich, bietet aber die Sichtweise an, die Verfehlungen des Menschen in direkter Beziehung zu seinem Schicksal zu betrachten, was allerdings vor allem im Fall von Tomek nicht ganz schlüssig erscheint. Nichtsdestotrotz ist dieser Film ein bewegendes Dokument minimalistischer Kargheit bei gewaltiger Eindringlichkeit – Filmkunst auf beachtlichem Niveau.

Ein kurzer Film über die Liebe

Ursprünglich als sechster Teil der Dekalog-Reihe des polnischen Regisseurs Krzysztof Kieślowski für das Fernsehen inszeniert war dieser düstere Film mit dem beinahe fröhlichen Titel Ende der 1980er Jahre auch in den Kinos zu sehen.
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