Ein Brief an Momo

Ein Brief an Momo

Eine Filmkritik von Falk Straub

Dem Himmel so nah

Beim Toronto International Film Festival lief Ein Brief an Momo 2011 in der Kindersektion. Jetzt liegt der Zeichentrickfilm auf Blu-ray vor und beweist, dass das Schicksal eines japanischen Mädchens auch erwachsene Zuschauer bewegt.
Der Himmel ist der Erde manchmal näher als gedacht. Drei Wassertropfen, die der elfjährigen Momo auf den Kopf fallen, brauchen nur wenige Sekunden, um aus luftigen Höhen den Boden zu erreichen. Gleich zu Beginn von Okiura Hiroyukis Ein Brief an Momo lösen die Tropfen Ereignisse aus, die das Diesseits mit dem Jenseits verbinden und die Welt des Mädchens gehörig durcheinanderwirbeln.

Nach dem Tod ihres Vaters reist Momo mit ihrer Mutter Ikuko von Tokio auf die Insel Shio. Dort wollen die beiden bei Verwandten ein neues Leben beginnen. Ikuko stürzt sich in die Arbeit. Momo ist den Großteil des Tages auf sich allein gestellt. Ein letzter, unvollendeter Brief ihres Vaters und ein Streit, mit dem Vater und Tochter auseinandergingen, lassen Momo nicht los. Doch viel Zeit zum Grübeln bleibt ihr nicht. Denn das Mädchen ist nicht allein zu Hause.

Die Tropfen, die vom Himmel regneten, sind Yôkai, japanische Geister. Momos Vater hat die drei urigen Gestalten geschickt, um auf Momo und Ikuko aufzupassen, solange er sich noch in der Sphäre zwischen Leben und Tod befindet. Die Geister haben jedoch alles andere im Sinn, als ruhig ihren Dienst zu versehen. Getrieben von ihrem maßlosen Hunger sind sie immer auf der Suche nach etwas Essbarem und stehlen alles, was nicht niet- und nagelfest ist. Da Momo die Yôkai als einzige sehen kann, versucht sie, die Gestalten im Zaum zu halten.

Mit Ein Brief an Momo ist Drehbuchautor und Regisseur Okiura Hiroyuki ein feinfühliger Zeichentrickfilm gelungen, der es durchaus mit den Größen des Genres aufnehmen kann. Inhaltlich erinnert er an Hayao Miyazakis Klassiker Mein Nachbar Totoro (1988). Und auch äußerlich könnte Ein Brief an Momo aus dem berühmten Animationsstudio Ghibli stammen. Seine Geschichte um Trauer und Verlust erzählt Hiroyuki mit Bedacht. Das gemächliche Tempo nimmt sich die Zeit, die es braucht, den Tod eines geliebten Menschen zu verarbeiten und bietet Kindern ein tröstendes Ende.

Wie alle guten Anime ist Ein Brief an Momo aber auch etwas für Erwachsene. Denn wer die Geister – allem japanischen Volksglauben zum Trotz – nicht für bare Münze nimmt, kann in ihnen auch eine gelungene Allegorie für Trauer(-Arbeit) sehen. Und diese kann Momo nicht alleine, sondern nur gemeinsam mit den Erwachsenen um sie herum leisten. Letztlich gelingt es auch Momos Mutter erst im Verbund mit ihrer Tochter endgültig loszulassen.

Ein Brief an Momo

Beim Toronto International Film Festival lief „Ein Brief an Momo“ 2011 in der Kindersektion. Jetzt liegt der Zeichentrickfilm auf Blu-ray vor und beweist, dass das Schicksal eines japanischen Mädchens auch erwachsene Zuschauer bewegt.
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