Eierdiebe

Eierdiebe

Schräg

Keinen Zweifel - Das schräg Abseitige und makaber Düstere muss auf Regisseur Robert Schwentke schon irgendwo eine skurrile Faszination ausüben. Schon in seinem Debüt, dem thematisch sehr ungewöhnlichen Thriller Tattoo (2002), legte er sein persönliches Filmsteckenpferdchen fest. Da fokussierte er einen Serienkiller, der fanatisch Tätowierungen "sammelt"; gleich, ob von toten oder gar lebenden "Objekten". Ein pervertierter Filmemacher? Mitnichten, denn Schwentke reduziert in seinem neuesten Coup das Sujet auf ein weitaus weniger brutales Moment, das im ersten Moment aufgrund seiner mannigfaltigen umgangssprachlichen Ausdrucksweise ungewollt Schadenfreude und Komik assoziiert. Es geht um die "Eier", aber um jene des Mannes. Wenn sonst im Film ein Dirty Harry oder in Sin City dem Schurken "die Eier abgeschossen werden", ruft das heuer nur noch ein müdes Lächeln hervor; und auch der ewige berühmte "Tritt" ist dabei die schon längst filmisch akzeptierte, harmlosere Variante. Wie also damit umgehen? Robert Schwentke führt es vor, in einer Symbiose aus Drama, Tragödie, Komödiendrama, Groteske, Burleske und Parodie; ein schwieriges, sehr filigranes Gebilde, das stets abzustürzen droht in das "bestimmte" Genre.
"Tumor ist, wenn man trotzdem lacht", sagt Martin zu seinem Bruder Roman, während die beiden auf einer Parkbank sitzen und den Schock von Martins gerade diagnostiziertem Hodenkrebs mit einem hübschen Joint und viel Galgenhumor zu bekämpfen suchen. Dass Lachen manchmal die beste Medizin ist, weiß Schwentke laut Statement aus eigener Erfahrung auf diesem Gebiet schrecklich genau, ob er ähnlich handelte wie sein Protagonist, sei dahingestellt.

Der groteske Horror in der Hose des Elite-Studenten Martin Schwarz (Wotan Wilke Möhring), beginnt während eines Ferienaufenthalts bei seinen Eltern in Berlin. Beim Weinholen bricht er zusammen. Diagnose: Hodenkrebs. Einer von beiden wird sofort entfernt. Die Ärzte raten flugs zur Totaloperation. Martin verspürt indes keine Neigung, sich völlig entmannen zu lassen und entscheidet sich gegen den Rat der Ärzte, um eine stationäre Chemotherapie zu beginnen. Seine Schicksalsgenossen im Krankenzimmer sind Nickel (Janek Rieke) und Harry (Antoine Monot jr.). Die drei machen das Beste aus ihrer Situation. Und alle drei verschießen sich natürlich in Susanne (Julia Hummer), die lieber bei den Jungs als in der Frauenabteilung weilt. Martins Mutter Gabriele (Marie Gruber) indes trägt unbeirrbar seine Lehrbücher in die Klinik, damit Martin ja den Anschluss an sein Studium nicht verpasst. Der Versuch die Normalität zu konservieren, ist natürlich zum Scheitern verurteilt. Denn Martin begreift, dass der Ernst der üblen Lage nur noch mit noch ernsterem, rabenschwarzen Humor zu ertragen ist. Und so bricht das Trio Infernale des Amusements nachts in die Pathologie ein, um Martins verlorenes Ei zu suchen...

Mit unverblümtem, schwarzem Humor verarbeitet der Stuttgarter Schwentke eine der mächtigsten und gefährlichsten Krankheiten überhaupt. Diese makabere und karzinogengeheilte Tragikömödie erinnert entfernt an Die Falken von 1989, in der der krebskranke, todgeweihte Timothy Dalton noch einmal eine richtige Sause unternimmt. Die Komödie scheut sich auch nicht, derbe Scherze über Medizin, Krebs und Tod zu reißen. Das mag bisweilen manchem Zuschauer zuviel sein, doch bekommt Eierdiebe jedes Mal rechtzeitig die ethische Kurve, indem seine Protagonisten zunehmend nachdenklicher und melancholischer werden. Außerdem schwebt da noch dieses irrlichtige Damoklesschwert über dem ganzen in Form einer Lovestory, die sich allmählich und behutsam zwischen Martin und Susanne entwickelt. Das ist eine der sensitivsten Stellen des Films überhaupt; wie die sterbende Susanne Martin durch den Quarantänevorhang das Stethoskop reicht, um noch einmal sein Herzklopfen zu hören.

Nachhaltig hör-und sehbar werden die Schauspieler ebenso bleiben: Ein exquisites Ensemble in einer witzig-rührigen, gegen den Strich gehende Geschichte um Angst, Humor, Mitleid und Tod.

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