Drugstore Cowboy

Drugstore Cowboy

Eine Filmkritik von Marie Anderson

Gus Van Sants aufwühlendes Drogendrama

Da liegt der übel zusammengeprügelte Bob (Matt Dillon) nach einem brutalen Überfall im Krankenwagen und reflektiert die vergangenen Monate seines 26jährigen Lebens, dem er nach einem Drogenentzug gerade eine neue Ausrichtung zu verleihen bemüht ist. Auf diese Weise entfaltet sich die filmische Erzählung eines drögen Daseins im Banne von unterschiedlichsten Rauschmitteln und deren Beschaffungskriminalität, die der US-amerikanische Filmemacher Gus Van Sant 1989 als Drugstore Cowboy inszeniert hat. Neben dem Regisseur und dem journalistischen Filmautoren Daniel Yost war auch der damals rund 75jährige Beatnik-Schriftsteller William S. Burroughs am Drehbuch für den Film beteiligt, in dem er auch eine ebenso markante wie eindrucksvolle kleine und letztlich signifikante Rolle übernommen hat.
Die aparte Dianne (Kelly Lynch) und der nicht minder attraktive Bob sind ein komplett auf unablässigen Drogenkonsum eingeschossenes junges Ehepaar, das sich gemeinsam mit dem fröhlichen, ausführlich vorbestraften Rick (James LeGros) und seiner naviven Freundin Nadine (Heather Graham) als kriminelle, dem Rausch verschriebene und geradezu familiäre Gang durch die Gegend gaunert. Drugstores sind ihre bevorzugten, reichlich mit begehrtem Stoff ausgestatteten Überfallziele, wobei ihre Art des Raubzugs eher in recht dilettantisch organisierten Diebstählen als in klassischen Überfällen besteht, was Bob als Kopf der Bande mit entsprechenden Vorerfahrungen auch schon in einigen unangenehmen Begegnungen mit der Polizei gebüßt hat. Für eine Weile spielen sie ein Spiel, das nicht zu gewinnen ist, nicht für sie, wie Bob im Rückblick bemerkt, „von Anfang an war mir klar, dass wir keine Chance hatten.“ Mit dieser desillusionierten und desillusionierenden Ansage präsentiert sich Drugstore Cowboy von Anfang an ohne moralische Ansprüche als ungeschönter Abgesang auf eine Ära der Drogen mit Mut für das Zugeständnis, dass diese langfristig zerstörerische Affinität in ihrem Suchtsystem sowohl Lebensinhalt als auch dessen Martyrium bedeuten kann.

"Dianne war meine Frau, ich hab sie geliebt, und sie hat Dope geliebt. Ja, wir waren ein ideales Paar", beschreibt Bob treffend die Beziehung zu seiner Frau, während auch er selbst deutlich stärker am Drogenkomplex als an erotischer Zweisamkeit interessiert ist, wie uns Gus Van Sant vor Augen führt, der seine melancholische, unspektakuläre Geschichte auf der Grundlage des gleichnamigen autobiographischen Romans von James Fogle entwickelt hat. In einem banal erscheinenden, doch bezeichnenden Symbolismus transportiert der Filmemacher die kleinen Abgründigkeiten im Innenleben der mal augenscheinlich komplett sorglosen, dann wieder gehetzten jungen Leute in ihrem anstrengendem Alltag zwischen Rausch, Raub und Polizeikalamitäten. Von niedlichen Hunden darf hier ebenso wenig geredet wie Hüte auf Betten gelegt werden dürfen, und in diesen simplen Metaphern für üble Erfahrungen und Unglück spiegelt sich die offensichtliche Philisophie des Anführers Bob, der vermutlich auf ein schicksalshaftes Zeichen wartet, um seiner berauschten Orientierungslosigkeit zu entrinnen.

Als Nadine nach einer in Verzweiflung gesetzten Überdosis ausgerechnet in einem Hotel stirbt, in dem am nächsten Tag eine Versammlung von Sheriffs absteigt, ohne dass ihre Leiche bereits beseitigt ist, gerät vor allem Bob enorm unter Druck und ebensolche Selbstzweifel an der Fortführung seiner Junkie-Existenz. Damit erreicht der Film seine erwartete Interpunktion: Bob verlässt die umkehrunwillige Dianne und kehrt zurück in seine Heimatstadt, wo er an einem Methadon-Programm teilnimmt und den Priester Tom Murphy (William S. Burroughs) wiedertrifft, der als rückfälliger Drogenabhängiger zu seinem einzig wahrhaften Gesprächspartner wird. Dieser unaufgeregte, ungeheuer authentisch anmutende Auftritt des prominenten Protagonisten der Beat-Generation mit seinen philosophischen Betrachtungen über das Drogendilemma bereichert den Film um eine differenzierte theoretische sowie gesellschaftskritische Dimension.

Als Drogendrama aus der Innenperspektive eines Süchtigen mit dem schwermütigen Sound von Elliot Goldenthal – Oscar-Gewinner für die Beste Musik des großartigen Biopics Frida über die mexikanische Malerin Frida Kahlo – stimmungsvoll inszeniert stellt Drugstore Cowboy einen sorgfältig gestalteten, kontroversen und markanten Meilenstein innerhalb des Werks von Gus Van Sant dar, das von marginalisierten und wandlungsfähigen Antihelden wie Bob geprägt ist. Das Making Of als Bonus der DVD gewährt einen ansprechenden Einblick in die Entstehung dieses schwelend intensiven Films als künstlerischer Ausdruck einer aufwühlenden Auffassung zur Drogenthematik, der die Abgründe der Abhängigkeit ohne explizit mahnende Manier vor der Sehnsucht nach Rausch und den verbindenden Fallstricken der Sucht betrachtet. Die gleichermaßen ernsthaft wie zynisch vorgetragene Botschaft William S. Burroughs’ an junge Leute am Ende dieses dokumentarischen Features von John Campbell fokussiert und ergänzt auch jene des mehrfach ausgezeichneten Spielfilms, dessen Analyse sich hervorragend zum Verständnis von gängigen Wirkmechanismen eines Drogen-Daseins eignen: "Sagt nein zur Drogenhysterie. Oder überhaupt zu jeder Art von Hysterie."

Drugstore Cowboy

Da liegt der übel zusammengeprügelte Bob (Matt Dillon) nach einem brutalen Überfall im Krankenwagen und reflektiert die vergangenen Monate seines 26jährigen Lebens, dem er nach einem Drogenentzug gerade eine neue Ausrichtung zu verleihen bemüht ist.
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