Drive (2011)

Drive (2011)

Eine Filmkritik von Joachim Kurz

Rasanz und Stillstand

Der schweigsame Mann hat seine Prinzipien: Arbeite niemals zweimal mit den gleichen Leuten. Beteilige dich niemals an den Raubzügen. Bleibe stets im Auto. Und: Im Wagen ist er als der Fahrer der absolute Chef. Wobei diese Prinzipien nur für sein zweites, sein nächtliches Leben gelten. Am Tag arbeitet er (Ryan Gosling) als Stuntfahrer für Hollywood-Produktionen und jobbt in der Autowerkstatt von Shannon (Bryan Cranston), bei Nacht stellt er seine Fahrkünste für diverse illegale Coups zur Verfügung. Doch der stets kühl und extrem beherrscht wirkende Driver hat auch seine anderen Seiten und die zeigen sich bereits an seiner Bekleidung: Die weiße Jacke, die er über weite Strecken des Films trägt, zeigt einen Skorpion — wie dieser kann auch der Fahrer erbarmungslos zustechen, wenn er gereizt wird. Logisch, dass diese Jacke im Verlauf des Films immer mehr zum Bedeutungsträger, zur Spiegelung des Zustandes ihres Trägers wird – ölverschmiert und blutgetränkt lässt sich an ihr ablesen, dass der Held buchstäblich keine weiße Weste mehr hat. Sie ist ein Indikator seines Verfalls, seines Weges nach unten.

Nicolas Winding Refns Drive ist Macho-Kino in Perfektion – es geht um harte, schweigsame Kerle, PS-starke Autos und natürlich um eine schöne Frau, die gerettet werden muss. Doch der Däne ist viel zu klug, um seine Genre-Übung nicht immer wieder zu brechen und mit reichlich Ecken und Kanten zu versehen. Da ist zunächst einmal die Sache mit der Geschwindigkeit – sonst in jedem „car pic“ essentiell. Nicht so bei Refn, der sich geschickt dem Hochgeschwindigkeits-Kino à la Speed und Bullitt verweigert und stattdessen immer wieder wohldosiert und dann wieder beherzt in die Eisen tritt, ohne dabei die Spannung abreißen zu lassen. Am augenfälligsten wird das, wenn sich der Driver zu Beginn des Films nach einem Einbruch eine Verfolgungsjagd mit der Polizei liefert. Die erreicht ausgerechnet dann ihren Höhepunkt, wenn das Fluchtfahrzeug sich nicht in wilder Fahrt befindet, sondern steht. Als die Polizei auf der Suche nach dem Wagen eine Straße blockiert, gibt der Fahrer mit dem kühlen Herzen nicht Gas, sondern parkt erst einmal ein und wartet ab, bis die Situation bereinigt ist.

Als der Fahrer eines Tages seine Nachbarin Irene (Carey Mulligan) und deren Sohn Benicio kennenlernt, verändert sich sein Leben. Rührend kümmert er sich um die Frau und ihr Kind, dessen Vater noch für kurze Zeit im Knast einsitzt, heitert sie auf und hat sich vermutlich binnen kürzester Zeit in die Frau verliebt — jedenfalls sieht man ihn in ihrem Beisein sogar lächeln. Doch der Driver würde niemals seine Gefühle offenbaren, sondern behält sein Innenleben lieber für sich und zieht sich nicht einmal zurück, als eines Tages Irenes Mann Standard (Oscar Isaac) wieder vor der Tür steht. Und mehr noch: Als er mitbekommt, dass Standard Probleme mit einigen finsteren Typen hat und deshalb auch das Leben von Irene und ihrem Jungen bedroht sind, lässt er sich zu einem illegalen Job überreden, um die Probleme der Familie aus der Welt zu schaffen. Damit beginnt aber der Ärger erst so richtig. Und in den ist nicht nur die Mafia verwickelt, sondern auch einige Leute, mit denen der Fahrer auch sonst zu tun hat, worauf er aber nicht allzu viel Rücksicht nimmt.

Die Story von Drive ist nicht unbedingt das, was man ausgeklügelt nennen könnte – die Grundmuster des Plots sind Varianten unzähliger anderer Filme und bieten daher nur wenig Überraschungen, Nicolas Winding Refn geht es vor allem um das Wie, um Rhythmus, um Bilder, um Lichtstimmungen, um Sound, um Atmosphäre – und genau darin erweist er sich als Meister seines Fachs. Alles an diesem Film wirkt so präzise inszeniert, so detailverliebt ausgetüftelt, dass man sich gar nicht sattsehen kann daran.

Atmosphärisch dicht und mit erstaunlich wenigen Autoverfolgungsjagden ausgestattet, irritiert Drive vor allem durch eruptive und äußerst explizite Gewaltszenen, die man wohl als Zugeständnis an das Mainstream-Action-Kino unserer Tage und an Vorbilder wie Quentin Tarantino deuten muss. Es ist die erste Hollywood-Produktion Nicolas Winding Refns, der als Regisseur erst auf ausdrücklichen Wunsch Ryan Goslings hinzu geholt wurde, und daher wohl auch eine Eintrittskarte für weitere Projekte in den USA.

Wenn man sich an Refns behutsamere und enorm variantenreiche Inszenierungsweise gewöhnt hat, sieht man darin auch eine gekonnte Neuinterpretation des testosteron- und benzingesteuerten Action-Genres der Siebziger und Achtziger nebst einiger ironischer Zitate aus dem Fundus jener Zeit, einen glitzernden Diskurs über Mobilität und Stillstand, eine fundamentale Revision des Männlichen und eine Hymne an die reine Form, die in bestechender Weise rückwärtsgewandt und auf der Höhe der Zeit zugleich ist

Im Kreise ausgewiesener Autorenfilmer wie Terrence Malick, Lars von Trier und all den anderen großen Namen hatte es Drive im Rahmen des Wettbewerbs des 64. Filmfestivals von Cannes schwer, weil seine Reduktion auf die reine Form sicher nicht dem Geschmack vieler Kritiker entsprach. An den Kinokassen könnte dieser Film hingegen gut funktionieren.
 

Drive (2011)

Der schweigsame Mann hat seine Prinzipien: Arbeite niemals zweimal mit den gleichen Leuten. Beteilige dich niemals an den Raubzügen. Bleibe stets im Auto. Und: Im Wagen ist er als der Fahrer der absolute Chef. Wobei diese Prinzipien nur für sein zweites, sein nächtliches Leben gelten

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