Draußen am See

Draußen am See

Eine Filmkritik von Peter Gutting

Von der Idylle zur Hölle

"Familien sind künstlich erschaffene Biotope", schreibt die 14-jährige Jessica in ihr Tagebuch. Wenn sie aus dem Gleichgewicht geraten, geschehen fürchterlichste Dinge. Treffender könnte das junge Mädchen seine Gefühle kaum ausdrücken. Die Beziehung zu Vater, Mutter und Schwester ist schwer gestört in Felix Fuchssteiners Familiendrama Draußen am See, das 2009 auf dem Münchner Filmfest den Förderpreis deutscher Film für die beste Produktion (Katharina Schöde) und für die beste Darstellerin (Elisa Schlott) bekam.
Würde man die Handlung aus der Perspektive eines außenstehenden Beobachters erzählen, dann wäre sie hart am Klischee: Ein glücklich verheirateter Familienvater (Michael Lott) mit zwei pubertierenden Töchtern verliert seinen Job. Von einer auf die andere Sekunde ist nun alles anders. Der einst ebenso selbstbewusste wie verspielte Mann, der sogar in der Wohnung einen Cowboyhut trug, schikaniert seine Frau (Petra Kleinert) wegen jeder Kleinigkeit. Von der Idylle mit Segelboot und Laube am See kippt das Leben der Kleinfamilie direkt in die Hölle. Und führt zu einer unbegreiflichen Tat, die der Außenwelt um jeden Preis verschwiegen werden muss.

Aber Felix Fuchssteiner und seine Co-Drehbuchautorin Katharina Schöde erzählen ihre mit wenig Geld produzierte Geschichte nicht aus der Vogelperspektive. Sie schildern sie mit Jessikas Augen. Also aus der Sicht eines jungen Mädchens, das gerade sowieso vor der Herausforderung gestanden hätte, sich von dem zu sehr idealisierten Vater zu lösen. Und das nun erleben muss, wie sich die Lichtgestalt in einen Jammerlappen verwandelt. Auch die Mutter kann keinen Halt bieten, sondern verzweifelt mehr und mehr, weil sie nicht weiß, wie ihr geschieht. Sodass am Ende eher das junge Mädchen die Eltern stützen muss als umgekehrt. Kein Wunder, wenn sich der innere Druck im autoaggressiven "Ritzen" entlädt.

Jessicas subjektive Perspektive verleiht Draußen am See einen zum Teil poetisch angehauchten Off-Kommentar und einen Symbolismus, der manchmal auch in den Bildern mitschwingt. Die ziehen in das ansonsten realistisch erzählte Drama eine zweite Ebene ein, die ihm gut tut. Denn trotz des erkennbaren Bemühens um eine künstlerische Handschrift kommt der Film nicht immer über ein gut gemachtes Fernsehformat hinaus. Dazu sind die Charaktere einfach zu holzschnittartig angelegt, vor allem die des Vaters, der fast schon bemitleidenswert eindimensional agieren muss.

Schade auch, dass selbst auf der symbolistischen Ebene – wenn Jessika aus ihrem Tagebuch zitiert – nicht alle Vergleiche und Anspielungen ins Schwarze treffen. Manches erscheint altklug und überzogen, etwa wenn das junge Mädchen die Tränen seiner Mutter mit der wissenschaftlich daherkommenden Erkenntnis kommentiert, im Schnitt heule jeder Mensch im Verlauf seines Lebens eine Badewanne voll.

Manchmal aber funktionieren die Metaphern und Vergleiche. So passt es ganz schön, wenn am Ende die Familie erneut als Biotop betrachtet wird. Trotz aller Katastrophen und eines Suizidversuchs finden nämlich zumindest die beiden Schwestern zu einer bislang nicht gekannten Solidarität. Da zeigt sich, dass selbst gründlich durcheinandergewirbelte Biotope irgendwann ein neues Gleichgewicht finden.

Draußen am See

"Familien sind künstlich erschaffene Biotope", schreibt die 14-jährige Jessica in ihr Tagebuch. Wenn sie aus dem Gleichgewicht geraten, geschehen fürchterlichste Dinge. Treffender könnte das junge Mädchen seine Gefühle kaum ausdrücken.
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Meinungen
Simone · 12.11.2010

Der Film zwingt zum Nachdenken. Er lenkt unsere Aufmerksamkeit auf die Familien, die von außen ganz normal zu sein scheinen, jedoch innerlich mit ihren großen Problemen kämpfen. Vielleicht haben solche Probleme uns selbst betroffen oder betreffen immer noch. Auf jeden Fall die Inhalte, die hier angesprochen wurden, werden uns noch einige Tagen nach dem Anschauen des Filmes begleiten.

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