Drachenmädchen

Drachenmädchen

Eine Filmkritik von Bianka Piringer

Eine Kindheit mit Kung Fu und militärischem Drill

„Tränen sind ein Ausdruck von Unfähigkeit“, sagt die neunjährige Xin Chenxi. Das Mädchen gehört zum Eliteteam der Kampfschule Shaolin Tagou und belegt bei seinem ersten Wettbewerb einen zweiten und einen vierten Platz. Als es dem Vater am Telefon davon berichtet, antwortet er: „Streng dich mehr an!“ Nur wenn sie Erste wird, will er sie besuchen kommen. Obwohl Xin Chenxi befürchtet, dass der erste Platz immer an eine Konkurrentin gehen wird, die schon viel länger trainiert, beklagt sie sich nicht.
Wenn die Neunjährige ihre Akrobatik mit einem scharfen Schwert vorführt, sieht sie aus wie der Nachwuchs für das spektakuläre Martial-Arts-Kino. Mit sieben Jahren kam sie an die mit 26000 Schülern größte Ausbildungsstätte für Kung Fu in China. Die private Schule liegt direkt neben dem Shaolin-Kloster in der Provinz Henan und trägt dessen Namen, obwohl das Kloster dagegen ist. Der Dokumentarfilmer und Kameramann Inigo Westmeier zeigt den gnadenlosen Drill, dem die Kinder und Jugendlichen hier ausgesetzt sind. Aus dem ganzen Land werden sie von Eltern geschickt, die ihnen eine berufliche Zukunft als Polizisten oder Soldaten ermöglichen wollen. Viele Eltern haben wegen der Arbeit auch keine Zeit, sich um ihre Kinder zu kümmern, oder kommen mit ihnen nicht mehr zurecht, wenn sie aufsässig werden. Das erzählt der Schulleiter, der ansonsten sehr darauf bedacht ist, dass nichts Negatives über sein Haus berichtet wird. Westmeier bekam vor Ort Aufpasser zugewiesen, wollte aber dennoch nicht auf kritische Töne verzichten.

Dafür ließ er sich einiges einfallen: Die philosophischen Erläuterungen zum Kung Fu, die ein Mönch des Shaolin-Klosters gibt, werden gegen die Worte des Schulleiters geschnitten. Während der Geistliche viel mehr von innerer Freiheit spricht, zielt der Direktor eher auf soldatische Erziehung zum Kollektiv ab. Man merkt, wie gut sich die ihres religiös-meditativen Ursprungs beraubte Kampfkunst in das Weltbild eines totalitären Regimes einfügen lässt.

In Shanghai besucht Westmeier eine Sechzehnjährige, die aus der Schule weggelaufen ist. Aufnahmen, die der Regisseur im Jahr 2009 bei seinen ersten Recherchen in der Schule von ihr machte, belegen eindrucksvoll, wie unglücklich sie dort war. Huang Luolan nimmt heute kein Blatt vor den Mund, wenn sie von der „Hölle“ dort erzählt, zum Beispiel von Prügelstrafen. Aber die Bilder vom Training an der Schule sprechen ebenfalls eine deutliche Sprache, wenn Mädchen sich beim Kickboxen vor Schmerzen krümmen oder erschöpft mit den Tränen kämpfen. Mit der Zeit wittert man als Zuschauer differenzierter, wo die Mädchen wahrscheinlich nur tapfer Dinge behaupten, weil ihre Eltern sie gerne so hören wollen. Die 15-jährige Chen Xi kommt jedoch aus der nüchternen Erkenntnis, dass sie gar keine Alternative besitzt, zu der Schlussfolgerung: „Wenn du lange genug durchhältst, kannst du eines Tages dein Haupt erheben.“

Der Alltag in der Schule und die Aufnahmen bei den Mädchen daheim im Dorf oder im Trubel der Großstadt verdichten sich zu einem kontrastreichen Panorama des modernen Chinas. Chen Xi hat sich ihren Eltern gegenüber, die sie schon mit zwei Jahren bei der Großmutter zurückließen, innerlich distanziert: Natürlich sei Arbeit wichtig, sagt sie, aber Kinder seien noch wichtiger. Westmeiers Dokumentation über eine Kindheit im Dauerstress ist emotional aufwühlend und bietet auch einem jungen Publikum in Deutschland wertvolle Einblicke in das Leben Gleichaltriger in einer völlig anderen Kultur.

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„Tränen sind ein Ausdruck von Unfähigkeit“, sagt die neunjährige Xin Chenxi. Das Mädchen gehört zum Eliteteam der Kampfschule Shaolin Tagou und belegt bei seinem ersten Wettbewerb einen zweiten und einen vierten Platz. Als es dem Vater am Telefon davon berichtet, antwortet er: „Streng dich mehr an!“ Nur wenn sie Erste wird, will er sie besuchen kommen.
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