Dovlatov (2018)

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Eine Woche im Leben des Dichters Sergei Dovlatov, der erst nach seinem Exil in den USA seine Werke veröffentlichen konnte und heute zu den bedeutendsten Schriftstellern seiner Generation gehört.

Dovlatov (2018)

Eine Filmkritik von Joachim Kurz

Vom Leiden eines Dichters

Der in Westeuropa eher unbekannte russische Schriftsteller Sergei Dovlatov gilt heute als einer der bedeutendsten Autoren seiner Generation, doch sein Werk fand in der Sowjetunion lange Zeit keinerlei Beachtung. Alexei German Jr. schildert in seinem Film eine Woche aus dem Jahre 1971 im Leben des Autors, der sich mühsam mit Arbeiten für Arbeiterzeitungen über Wasser hält und zugleich erleben muss, dass seine Prosa nirgendwo in der UdSSR veröffentlicht wird.

Dieses Schicksal teilt er mit anderen Dissidenten wie dem späteren Nobelpreisträger Joseph Brodsky, der zu seinem Leningrader Freundeskreis zählte. Die entsättigten Farben und der langsame Schnittrhythmus lassen die Erstarrung der Sowjetunion nach dem Tod Nikita Chruschtschow und der Übernahme der Macht durch Leonid Breschnew spürbar werden. Obgleich in dieser Woche die ganze Verzweiflung der Schriftsteller, ihr Leiden am faktischen Berufsverbot und ihre Perspektivlosigkeit spürbar werden, erscheinen die Emotionen in Dovlatov wie weggedrückt und betäubt oder verstecken sich wie im Fall des Schriftstellers Dovlatov hinter einem eisigen Panzer aus Sarkasmus und Ironie.

Äußerlich ist Dovlatov (dargestellt vom serbischen Darsteller Milan Maric) ein nahezu unbewegter Beobachter der eigenen aussichtslosen Lage. Stoisch und kaum je mit einer Änderung seiner Mimik durchwandert der fast schon bullige Mann geheime Literaten-Partys, dröge Interviewtermine und langweilige Redaktionssitzungen, in denen seine Texte immer wieder wegen Ironie, Sarkasmus und negativer Tendenzen, die sich gegen den Geist sowjetischer Moral richten, abgeschmettert werden.

Hinzu kommen Streitereien mit seiner Ex-Frau (und vielen anderen Frauen) und die vergeblichen Versuche, doch noch Aufnahme in den sowjetischen Schriftstellerverband zu finden, ohne den Literaten in der UdSSR nicht veröffentlichen konnten. Sein Kampf gegen die Mühlen der sowjetischen Literaturbürokratie gipfelt an einer Stelle darin, dass sich der Schriftsteller einem anderen Mann (der diesen Witz freilich nicht versteht) als Kafka vorstellt – und tatsächlich erkennt man in diesem Moment das Umherschweifen Dovlatovs als Variation auf die vergeblichen Kämpfe von Kafkas Protagonisten gegen eine erbarmungslose Apparatur, ein rigides System. 

Kontrapunktisch entgegengesetzt sind dem wenige Szenen – und sie gehören filmisch zu den eindrucksvollsten –, in denen Dovlatov die Straßen Leningrads durchstreift. Nur hier und in den gelegentlich eingeschobenen bizarren Traumsequenzen gelingt es dem Protagonisten und mit ihm dem Zuschauer, der bedrückenden Enge der Innenräume mit ihrer grau-beigen Farbigkeit zu entrinnen und für einen Moment so etwas wie jene Freiheit spürbar werden zu lassen, deren Abwesenheit die Stimmungslage dieses Films so beherrscht und niederdrückt. Manchmal legt sich dann Nebel oder ein Schneeschauer über die Bilder und lässt sie so in einem beinahe milden Licht erscheinen.

Besonders schön ist dabei eine Szene zu Beginn, wenn Dolvatov bei den Dreharbeiten zu einem Film anlässlich des Stapellaufs eines Schiffs mit Amateurdarstellern konfrontiert wird, die große Literaten wie Dostojewski und Tolstoi darstellen – eine Farce, für die Dovlatov nichts als Spott übrighat, zumal ihm US-amerikanische Schriftsteller wie Ernest Hemingway und John Steinbeck viel näherstehen.

Das gemächliche, oft eher verschleppt wirkende Erzähltempo und die vielen Dialoge, in denen die Dissidenten ihr eigenes Schicksal beklagen, während der Protagonist scheinbar teilnahmslos durch die Szenerien wandert, machen Dovlatov bisweilen zu einer echten Geduldsprobe, bei der man sich wünscht, die stets unterdrückten Emotionen würden sich endlich einmal Bahn brechen. So aber kommt einem der Autor, dessen Leben man vorher gefolgt ist, erst ganz am Schluss wirklich nahe, als er sich auf ein Autodach setzt und sich so durch seine Heimatstadt Leningrad fahren lässt. Man ahnt in diesem Moment, dass er nichts mehr zu verlieren hat. 

Hätte er freilich gewusst, dass es noch sechs Jahre dauern sollte, bis er in die USA emigrieren kann und dass ihn dort im Alter von 48 Jahren der Tod ereilt, ohne dass er je von seinem späteren Ruhm erfährt, dann wäre dies womöglich seine letzte Fahrt gewesen. Von dem Leiden, das Alexei German Jr. schildert, sind diese Tage allenfalls ein kleiner Ausschnitt.

Dovlatov (2018)

Der 1940 geborene und 1990 verstorbene Schriftsteller und Dissident Sergei Donatowitsch Dowlatow versuchte lange Zeit vergebens, seine Prosa in russischen Zeitungen zu veröffentlichen, bis er schließlich 1978 in die USA emigrierte, wo Mitte der 1980er Jahre endlich sein Durchbruch erfolgte. In seinem Biopic schildert Alexey German Jr. sechs Tage im Leben des Autors.

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