Don't Give a Fox (2019)

Log Line

Das Skaten hält die jungen Frauen* der Girls-Crew Don’t give a Fox zusammen. Doch auf einem Roadtrip durch den Sommer in Dänemark entdecken sie in wilden Nächten und Ausflügen in die Familiengeschichte eine tiefergehende Gemeinschaft. Was kann weibliche* Solidarität heute sein?

Don't Give a Fox (2019)

Eine Filmkritik von Sophie Holzberger

Plüschbrüste, Dip Dye und Skateboards

“1, 2, 3 ROADTRIP”, brüllen vier junge Frauen* in ein Smartphone. Es wird gelacht, gekreischt “So eine kranke Idee!”, ruft eine von ihnen. Und dann wird das Gefährt hergerichtet – in fünf Minuten wird aus einem alten Bus ein rosé-flieder-farbener Delfin-Traum (die 2000er sind definitiv zurück!) mit einer Menge Schnörkel, Tags wie “PUSSY POWER” und Lichterketten in Ananasform, die bei Abenddämmerung überall aufgehängt werden. Ein rotes altes Telefon fährt mit, gerahmt von einem rosafarbenen Aschenbecher und pinken Feuerzeugen. Nicht statt, sondern zusätzlich zum obligatorischen Wackel-Pandabären, baumelt in der Front eine kugelrunde Brust aus Stoff herab und wippt mit den Bewegungen des Autos und der Musik. Doch die Frauen* sind nicht auf dem Weg zum Coachella Festival, sie sind eine weibliche* Skate-Crew aus Kopenhagen mit dem Namen Don’t give a Fox. Sie fahren von Skateplatz zu Skateplatz und arbeiten unterwegs noch ein bisschen Familiengeschichte auf.

Die erste halbe Stunde hat man bereits mit ihnen beim Skaten verbracht, das erste Drama ist schon passiert—die Anführerin, Sofie (Sofie Ekerdine), hat sich den Fuß so schwer verletzt, dass sie für mehrere Monate ausfällt. Die Sorge den Anschluss an die Gruppe zu verlieren, wird bei intimen, rotstichigen video selfies unter der Bettdecke gebeichtet, oder besser confessed. Ist es wirklich nur das Skaten, dass sie zusammenhält? Sofie will es wissen und packt ihre Crew ein, auf einen Skate-, Sauf-, und Selbstfindungstrip quer durch Dänemark. Der Dokumentarfilm Don’t give a Fox ist unter der Regie von Kaspar Astrup Schröder entstanden und teilt sich in drei Kapitel, jeweils voneinander abgesetzt durch das Bild der Rückseite eines Skateboards mit der Einblendung des Names einer der Darstellerinnen. So wird der Fokus auf drei Geschichten gelegt: Sofie, Initiatorin der Gruppe, Line (Line Mortensen Thoresen), Musikerin und Signe (Signe Werenberg), Tätowiererin.

Erstmal macht das eine ganze Menge Spaß! Schon die ersten Bilder des Films zeigen dabei, wohin die Reise gehen wird: Zu sehen ist eine pastellrosa eingefärbte Zeitlupen-Aufnahme einer der Skaterinnen, darüber werden die Credits und der Filmtitel eingeblendet. Am Ende der Einstellung stürzt sie. Girl Power auf Skateboards; das Motto des Teams ist „ein High five für jeden Sturz”. Beim Girl Skate Day und in ihrer Crew haben die Frauen* einen safe space gefunden und kreiert, in dem sie sich gemeinsam ermutigen, stärken und über die eigenen Fehler lachen können: die Skatetricks werden nicht in ihrer fertigen Form gezeigt, eine Montage hält es tatsächlich aus, den gleichen Sprung an die 30 Mal beim Scheitern zu zeigen. All die fragilen Versprechungen junger Freundschaften werden in Gruppen-Umarmungen, häufig nach einigen Flaschen Sekt, ausgesprochen und der Film zelebriert all die übermütige Zärtlichkeit und Liebe der Frauen* füreinander.

Und dann kommt der Roadtrip. Der Bus ist dabei nicht bloß Fortbewegungsmittel, sondern zentral für die Logik des Films: in dem zu Beginn beschriebenen make over von wenigen Minuten werden in ihm eine Dichte an Spuren und Geschichten verteilt, die eine Überfülle an Bedeutung generieren sollen – der vollgestopfte Look schafft ein Sammelbecken post-ironischer, feministischer Ästhetik. Doch die Objekte wirken merkwürdig hohl, ihre überschüssige Materialität, die Fülle an haptischen Oberflächen, von Sitzbezügen, Plüsch zu schwitzenden Körpern ist völlig glattgestrichen in den Bildern von im Wind wehenden Dip-Dye-Haaren zu Ukulele Songs. Der Film ist voll von Gegenlichtaufnahmen, die dem sowieso schon pastell-getönten Rosa der Schauplätze noch die zarte Bläue der Morgendämmerung andichten und so einen Kitschtraum mit Skateboards entstehen lassen. Diese Glätte erinnert an vielen Stellen an dimmende Instagram-Filter.

Es ist die Kulisse einer nahtlos dokumentierten Selbstdarstellung. Auch wenn die Darstellerinnen* bereits beim Skaten in Kopenhagen dabei zu sehen waren, wie sie sich selbst mit ihren Smartphones filmen und auch Teile von diesen Aufnahmen Eingang in die Montage gefunden hat, kommt die Bedeutung der medialen Selbst-Dokumentation nun zum völligen Höhepunkt. In einigen der Szenen sind beinahe alle Frauen* an ihren Smartphones zu sehen, wie sie die anderen an ihren Smartphones filmen; irgendwo im Nirgendwo wird eine ganze Make-Up Palette ausgepackt, um im Anschluss Bikini Bilder auf Gummi-Planschtieren zu machen. Eine der auffälligsten Requisiten ist das in der Autofront positionierte Leucht-Buchstaben-Set, mit dem jeder Stand des Trips schriftlich kommentiert wird, unten meist eine Hashtag-Abkürzung des Crew-Namens. Nicht nur rufen diese Leuchtbuchstaben die Ortsbezeichnung oder Personenbetitelung im Dokumentarfilm als Teil des Bildes auf, sie produzieren vor allem ein Bild, dass sich perfekt einfügt in die häufig beschriftete Bilderlogik von Instagram. Meist stumm genutzt, werden so die Bilder ‚lesbar’: die Welt, die man hier sieht, ist immer schon auf die Darstellbarkeit in Social Media gedacht und hergerichtet.

Auf den Instagram-Kanälen der Darstellerinnen* lässt sich passend auch ein Großteil der Szenen noch einmal aus Smartphone-Perspektive nachschauen. Nun eben nicht in der Montage eines Langspiel-Dokumentarfilms, sondern in der schnellen Reihung von beschrifteten und glitzernden Clips einer Instagram-Story. Die eigene dichtgestrickte Geschichtlichkeit, die versucht wird durch die Ausrüstung des Busses zu beschwören, ist immer schon polierte Story.

Es gibt auch schöne Momente in dieser rosaroten Filterbrillen-Welt, die der Zuschauerin* unerwartete Einblicke in das ländliche Leben in Dänemark oder das Miteinander der Gruppe bescheren: der Besuch eines Bingo-Lokals an einer Landstraße, eine ausgelassene Feiernacht, vor allem durch Handy-Bilder dokumentiert, oder eine improvisierte Talentshow, die bei ihrem Entstehen auf einem Livestream einer der Darstellerinnen* verfolgt werden konnte. All das sind kleine Momente, in denen die Glätte der Bilder ins Ausgelassene kippt, in denen der Überschuss an Freude oder Skurrilität zum Lachen bringt.

Doch fügt sich das meiste „Verrückt-Sein“ in dem Film zu gut ein, in die Herstellung eines visuellen Markenzeichens im Modus einer amerikanischen Band-Tournee-Doku.

Die drei Kapitel versuchen die Geschichten der einzelnen Darstellerinnen* durch kleine Sequenzen in privaten Wohnungen zu personalisieren. Doch sind diese durchaus intimen und zärtlichen Erzählungen dem rosafarbenen Bildprogramm nicht gewachsen. Das Persönliche wird verschluckt von der personality und so zum Teil der richtig temperierten Mischung zwischen Einblicken ins Private (die schwierigen Beziehungen zu den Eltern oder Alkoholprobleme) und völlig jugendlichem Leichtsinn, mit pointiert sitzendem Make-Up.

Neben der Empowerment Geschichte einer Frauen*-Skate-Crew, die ihre lustigen und berührenden Momente hat, sieht sich der Film an vielen Stellen zu durchlässig als eine Anleitung zu „How to be famous on Instagram”. So auch die Notwendigkeit einer Erfolgsgeschichte einer der Darstellerinnen*, die einige Monate später endlich mit ihrer Musik erfolgreich ist und das dank ihrer Crew. Keine gute Story ohne ein Happy End.

Signe berichtet an einer Stelle davon, wie sie durch das Malen von Selbstportraits zur Selbstliebe gefunden hat. Selbstbewusstsein und die Möglichkeit zur Akzeptanz des Eigenen schimmern in den Porträts des Films durch, jedoch nur im Rahmen von Inszenierung und Vermarktung. Ja, ein Film über skatende Frauen* macht Spaß, ja, weibliche* Solidarität ist wunderschön, aber kann sie nicht auch andere Bilder finden? Bilder, die es nicht nötig haben den Exzess der Bewegung und der Zuneigung einzuhegen in pastellfarbenen Plüsch?

Don't Give a Fox (2019)

In einem Vorort von Kopenhagen Hat sich die Mädchen-Skatercrew „Don’t give a fox“ gegründet — eine Gruppe junger Frauen, für die das Skaten ein willkommener Ausgleich ist für all die täglichen Herausforderungen. 

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