Dog Pound

Dog Pound

Eine Filmkritik von Joachim Kurz

Unter bissigen Hunden

Dass die Haftanstalt Enola Vale tatsächlich ein "Tal der Einsamkeit" (so die Übersetzung des Namens des Gefängnisses irgendwo in den USA) ist, das müssen die drei jugendlichen Kriminellen Butch (Adam Butcher), Davis (Shane Kippel) und Angel (Mateo Morales) schnell feststellen. Man könnte den Knast aber auch schlichtweg so nennen, wie der Titel des Films von Kim Chapiron dies tut: Dog Pound – also Hundezwinger. Für das, was dort innerhalb des Knastes abgeht, ist diese Metapher durchaus zutreffend, mit nahezu animalistischer Verbissenheit und Skrupellosigkeit kämpft hier jeden gegen jeden und die Vorherrschaft im gnadenlosen System, das hier regiert.
Nach einer kurzen Exposition, die zeigt, aufgrund welcher Vergehen die drei Jugendlichen nach Enola Vale verfrachtet werden, stehen sie nackt vor den Wärtern und werden mit harschen Worten und knappen Anweisungen auf das vorbereitet, was sie hier erwartet und was sie unbedingt vermeiden sollen: "Keine Drogen, keine Waffen, keine Gang-Aktivitäten." Man ahnt schnell, dass just dies die Probleme sind. Denn die Frischlinge werden schnell zur Zielscheibe des bulligen Banks (Taylor Poulin) und seiner Gang, die den Knast scheinbar nach Belieben regieren: Davis bekommt seine Stiefel abgenommen und am Ende auf übelste Weise vergewaltigt, so dass er vor Scham den Freitod wählt. Auch der kleine Angel wird ein Opfer des rigorosen Systems, das eine erfolgreiche Resozialisierung allenfalls wie einen törichten Wunschtraum erscheinen lässt: Ausgerechnet jener Aufseher, der mit harter Hand und ausgeprägtem Gerechtigkeitssinn versucht, die schwierige Balance in Enola Vale aufrecht zu erhalten, verursacht in einer Überreaktion den Tod des Jungen. Einzig der brutale und skrupellose Butch, der sich von Anfang an wehrt gegen die vielen kleinen Demütigungen und dem sich unversehens die Chance auf eine frühere Haftentlassung bietet, scheint sich in der Hierarchie des Gefängnisses behaupten zu können. Doch der Preis für so viel Überlebenswillen ist hoch, sein Moment der Freiheit währt nur für einen kurzen Moment.

Dass einem vieles an diesem Film so bekannt vorkommt, liegt zum einen daran, dass sich in den letzten Jahren zahlreiche Filme (darunter auch Philip Kochs Picco) mit der Gewalt in Jugendstrafanstalten auseinandergesetzt haben. Zum anderen ist der Film das Remake des 1979 von Alan Clarke realisierten Knastdramas Scum, der seinerzeit aufgrund seiner expliziten Sprache und ausufernder Gewaltszenen für einen handfesten Skandal gesorgt hatte. Kim Chapiron, der mit Dog Pound nach Sheitan (2006) seine zweite Regiearbeit vorlegt, hat die Handlung in einem fiktiven Jugendknast im amerikanischen Mittleren Westen angesiedelt. Dennoch erkennt man gerade in der Gestalt Butchs unverkennbar die Merkmale eines waschechten britischen lads – er könnte mühelos in jedem beliebigen britischen Film über Fußball-Hooligans eine Hauptrolle spielen.

Wer Scum kennt wird feststellen, dass der Verlauf der Geschichte im Original und im Remake weitestgehend parallel verläuft. Zwar versucht Chapiron auf dezente Weise neue Akzente einzuflechten, die zumindest Bruchstücke einer immer noch vorhandenen Humanität zeigen, wobei aber jederzeit klar wird, dass Mitmenschlichkeit, Mitleid oder Freundschaft vom Knastsystem allenfalls eine kurze Illusion sind. Innerhalb der langsam eskalierenden Gewaltspirale wirken jene Szenen, die dem Film so etwas wie Wärme verleihen sollen, stets ein wenig wie Fremdkörper, die beim nächsten Übergriff umso schmerzhafter verdeutlichen, dass für so etwas im Knast kein Platz ist.

Suggeriert der Film anfangs noch, dass alle drei Neulinge im Knast im Mittelpunkt des Interesses stehen, bildet sich schon bald auch hier eine (vermutlich nicht ganz freiwillige) Hierarchie, die sich vor allem auf Butch und in etwas geringerem Maße auf Davis konzentriert und Angel beinahe völlig aus den Augen verliert. Stattdessen werden ständig neue Figuren eingeführt, so dass man neugierig auf sie wird (so etwa auf den Knastpoeten Max, der gerne mal die Sozialpädagogin mit einem schlüpfrigen Liebesgedicht beglückt), um anschließend festzustellen, dass auch diese keine tiefere Charakterisierung erfahren. Zwar ergibt dieser schnelle Wechsel einen interessanten Querschnitt durch den Mikrokosmos von Enola Vale, wirklich nahe kommt man den Figuren bei allem existenziellen Nöten aber nur in seltenen Momenten.

So ist Dog Pound zwar ein durchaus ansprechendes Knastdrama, das dem Genre aber kaum etwas Neues hinzufügen weiß. Alan Clarkes auch heute noch bemerkenswert radikaler Film Scum bleibt von dem Remake nahezu unangetastet und verursacht auch heute noch ein entschieden mulmigeres Gefühl beim Betrachten. Gleiches gilt übrigens auch für Philip Kochs Picco, der im Vergleich zu Dog Pound ungleich bedrückender und konsequenter wirkt.

Dog Pound

Dass die Haftanstalt Enola Vale tatsächlich ein "Tal der Einsamkeit" (so die Übersetzung des Namens des Gefängnisses irgendwo in den USA) ist, das müssen die drei jugendlichen Kriminellen Butch (Adam Butcher), Davis (Shane Kippel) und Angel (Mateo Morales) schnell feststellen.
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