Django - Ein Leben für die Musik (2017)

Django - Ein Leben für die Musik (2017)

Eine Filmkritik von Beatrice Behn

Zwischen historischer Authentizität und reiner Fiktion

Jean "Django" Reinhardt gilt als der Begründer des europäischen Jazz und lebte lange Zeit in Paris, unter anderem auch in der Zeit der deutschen Besatzung. Faschismus und Kunst sind in Étienne Comars Django - Ein Leben für die Musik also die Schlagworte schlechthin – und der Film über den Musiker lässt sich auch ganz gut an: In den 1940er Jahren ist Django (Reda Kateb) der Star der Pariser Nacht, er und seine Band füllen Konzertsäle und bringen selbst die steifsten unter den deutschen Besatzern zum Tanzen. Gegen seinen Willen wird er dann für eine Deutschlandtour zwangsverpflichtet, bei der – ob der politischen Lage – schnell klar wird, dass Django nie wieder heimkehren darf, da er aufgrund seiner Sinti-Wurzeln – er gehört den Manouches (französischsprachigen Sinti) an – als "Degenerierter" gilt. Die Gerüchte um Konzentrationslager haben auch Paris erreicht und zu denen, die eingesammelt werden, gehören auch die Sinti- und Romafamilien. Djangos Frau ist schwanger, seine Mutter alt und er selbst kann sich auch nicht mehr allzu gut einreden, dass Musik machen unpolitisch ist und es ihm egal wäre, wer sein Publikum ist. Seine belgische Geliebte Louise (Cécile de France), die auch bei der Résistance arbeitet, beschafft ihm und seiner Familie Papiere für eine Flucht in die Schweiz. An der französisch-schweizerischen Grenze müssen sie aber ein paar Monate darauf warten, um herübergeschleust zu werden. Glücklicherweise kampiert dort jedoch auch eine weitere Sinti-Gruppe, sodass man sich gegenseitig helfen kann. Um Essen beschaffen zu können, muss Django allerdings wieder in Kneipen spielen. Und bei solch einem Ausnahme-Talent bleibt er natürlich nicht lange unentdeckt.

Leider bleibt es bei einer oberflächlichen Betrachtung der vielen Themen, die in dieser Lebensgeschichte stecken. Ein biographischer Film will Django keinesfalls sein, sagt Regisseur Comar, sondern eher ein Film, der die Zeit und die Musik porträtiert. Fiktional ist er zu Teilen, dann aber auch wieder dokumentarisch. Ein bisschen was von Vielem soll er in sich aufnehmen, doch das gelingt leider überhaupt nicht. Ja, Reinhardt ist die Hauptfigur, doch er vermag nie so recht dreidimensional zu sein. Seine Biografie hat der Film stark verformt und angepasst, er selbst ist mehr Metapher für die größere Idee von Kunst und Haltung, als ein Mensch aus Fleisch und Blut. Gleiches gilt für die anderen. Sie erfüllen bestimmte Klischees: die Ehefrau, die Mutter, die Freunde, die Liebhaberin. Vor allem Louise, die große, blonde Résistance-Kämpferin, die völlig fiktional ist, wurde hier als Geste eingefügt. Sie steht für den Emanzipationsmoment von Frauen im Krieg und Frauen im Jazz. Doch leider kann der Film das überhaupt nicht aufzeigen oder gar nur annähernd emotional vermitteln. Vielmehr scheint sie eine Diane-Kruger-Gedächtnisrolle aus Tarantinos Inglourious Basterds zu sein, die schön sein darf, mehr schlecht als recht Intrigen spinnen und ein bisschen Sex-Appeal in die Runde werfen, bevor sie geopfert wird. Keine der Figuren vermag auch nur einen Augenblick Authentizität zu vermitteln oder Emotionen oder Anteilnahme hervorzurufen.

Ähnlich leer bis unangenehm auch die Darstellung der Sinti und Roma. Glaubt man dem Film, kann jeder Sinto mindestens ein Instrument perfekt aus dem Stand heraus spielen und sitzt ansonsten meist am Lagerfeuer, trinkt ein Schnäpschen und macht Musik, während die Frauen umherwuseln. An dieser Stelle soll kein Rassismus unterstellt werden. Vielmehr ist dies nur ein weiterer Punkt, an dem der Film nur an der Oberfläche verbleibt und lieber mit Chiffren arbeitet, anstatt dem Ganzen Leben und Ehrlichkeit zu geben.

Ähnlich ergeht es dem Jazz. Gleich zu Anfang bekommt man ein kleines Konzert kredenzt, bei dem schon nach kürzester Zeit das Publikum im Film nicht mehr an sich halten kann. Dazu Nahaufnahmen auf die virtuosen Finger Reinhardts, wie sie über die Seiten flitzen. Dann wieder tanzende Deutsche, die eben noch steif auf dem Platz saßen und mit dem Kopf wippten. "So toll, so mitreißend und genial ist diese Musik, dass sie sogar Deutsche zum Swingen bringt!" brüllt der Film einem hier entgegen. Einzig beim Sehen desselbigen merkt man dies nicht. Zwar ist die Musik Reinhardts uneingeschränkt empfehlenswert und genial, doch die Passion, die Atmosphäre kommen einfach nicht rüber. Sie werden einfach behauptet.

Es ist zum Schreien, solch einen Film im Jahr 2017 noch immer sehen zu müssen, zumal er auch noch Eröffnungsfilm der Berlinale war. Ein Werk voller Gesten, das politisch sein will, es sich aber nicht traut und doch lieber irgendwo zwischen Feel-Good-Movie und Drama changiert. Ein Film, der keine Stellung bezieht, sondern lieber von vornherein eine traurige, aber unabwendbare Opferrolle lanciert, der voller Nichts von Szene zu Szene wandert und bei dem man sich fragt, was das eigentlich soll. Und noch dazu wird Django nun als DER Film positioniert, der den Sinti- und Roma-Opfern des Nationalsozialismus ein Denkmal setzt – obwohl Reinhardt hier einfach ein Platzhalter ist oder als Aufhänger für das Thema an sich benutzt wird, um noch einen Film über Nazis und seine Opfer zu machen. Denn Nazis gehen immer. Und wenn’s dazu noch gute Musik gibt, umso besser.
 

Django - Ein Leben für die Musik (2017)

Jean "Django" Reinhardt gilt als der Begründer des europäischen Jazz und lebte lange Zeit in Paris, unter anderem auch in der Zeit der deutschen Besatzung. Faschismus und Kunst sind in Étienne Comars "Django" also die Schlagworte schlechthin – und der Film über den Musiker lässt sich auch ganz gut an: In den 1940er Jahren ist Django (Reda Kateb) der Star der Pariser Nacht, er und seine Band füllen Konzertsäle und bringen selbst die steifsten unter den deutschen Besatzern zum Tanzen.

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Meinungen
Uwe voigt · 06.11.2017

Eine kritik in dieser schärfe wünscht man sich bei vielen eurer vorgestellten filme.das wäre was.uwe voigt

Kommentare

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