Dior und ich

Dior und ich

Eine Filmkritik von Andreas Köhnemann

Sublime!

Zuweilen fällt es durchaus schwer, die Modebranche ernst zu nehmen: Etwa wenn unvermutet die Karottenhose (die doch eben noch ein absolutes No-Go war!) ihre Wiederauferstehung feiert – um dann womöglich noch mit "Granny Hair" kombiniert zu werden, weil es plötzlich als chic gilt, mit grauem Haupt daherzukommen. Ebenso tragen exzentrische Persönlichkeiten wie Karl Lagerfeld oder Donatella Versace dazu bei, dass man die Fashion-Welt als durchaus speziell empfindet. Dass es in der Mode allerdings um wesentlich mehr als um fragwürdige Trends und extravagante Auftritte geht, vermag ein Werk wie Dior und ich zu demonstrieren.
Der Filmemacher Frédéric Tcheng wirft darin gewissermaßen einen "Blick hinter den Laufsteg" und dokumentiert den Entstehungsprozess der ersten Haute Couture-Kollektion, die der Belgier Raf Simons im Frühjahr 2012 als neuer Kreativdirektor für das französische Traditionshaus Christian Dior schuf. Hierfür standen Simons nach seiner überraschenden Ernennung nur acht Wochen (statt der üblichen fünf bis sechs Monate) zur Verfügung. An seiner Seite war zum einen sein langjähriger Mitarbeiter Pieter Mulier, und zum anderen das eingespielte Dior-Team – darunter Schneider_innen, die ihr Handwerk vor mehreren Dekaden in dieser Stätte erlernt haben und dem Unternehmen stets treu geblieben sind.

Tcheng gelingt es, den Zeitdruck zu vermitteln, unter dem seine Protagonist_innen stehen. Durch Musik, Montage sowie einen aufmerksamen Kamerablick wird eine Spannung erzeugt, die einem Spielfilm in nichts nachsteht. Das aufgenommene Material wurde klug verdichtet – ohne dem Ganzen jedoch die kleinen Beobachtungen am Rande gänzlich zu nehmen. Überdies wird das feine Zusammenspiel der Fantasie des Designers und der Umsetzungsfähigkeiten der Schneider_innen deutlich – wobei die Arbeit der Frauen und Männer im Atelier (mindestens) so viel Können und Leidenschaft erfordert wie die des künstlerischen Direktors. Der Entwicklung der Haute Couture-Kollektion haftet in dieser kinematografischen Betrachtung nichts Oberflächliches an – vielmehr wird die kreative Energie erkennbar, die alle Beteiligten zu investieren bereit sind.

Der Titel Dior und ich lässt sich auf diverse Aspekte des Werks beziehen. So erzählen zum Beispiel die zahlreichen Mitarbeiter_innen von ihrer persönlichen Verbindung zur Marke Dior – und vom "Geist" des Gründers, der noch immer durch die Räume wandele. Auf besagten Gründer – Christian Dior (1905-1957) – lässt sich der Titel indes auch in der Hinsicht beziehen, dass der zurückhaltende Franzose die "Fashion-Ikone Dior" als eine Art zweite Person neben sich wahrnahm, wie es in seiner Autobiografie heißt. Auszüge des Buchs werden per Voice-over vorgetragen – meist in Kombination mit Archivaufnahmen. Ein dritter Bezugspunkt ist das Verhältnis zwischen Christian Dior und dem ebenfalls recht scheu wirkenden Raf Simons. Letzterer musste bei seinem Unternehmensdebüt die Aufgabe bewältigen, der Dior-DNA zu entsprechen und zugleich seinen eigenen Stil einzubringen. Zu seinem Herzensprojekt wurde dabei ein Seidenkleid mit einem Druck des US-Künstlers Sterling Ruby.

Der Show, bei der die Models durch eine beachtliche Menge von Blumen und Promi-Zuschauer_innen schreiten, gehören die letzten Minuten des Films. Insgesamt ist Dior und ich eine Feier der Kreativität, Schönheit und Eleganz – und ein äußerst unterhaltsames Werk.

Dior und ich

Zuweilen fällt es durchaus schwer, die Modebranche ernst zu nehmen: Etwa wenn unvermutet die Karottenhose (die doch eben noch ein absolutes No-Go war!) ihre Wiederauferstehung feiert – um dann womöglich noch mit "Granny Hair" kombiniert zu werden, weil es plötzlich als chic gilt, mit grauem Haupt daherzukommen. Ebenso tragen exzentrische Persönlichkeiten wie Karl Lagerfeld oder Donatella Versace dazu bei, dass man die Fashion-Welt als durchaus speziell empfindet.
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