Dietland (TV-Serie, 2018)

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Dietland beweist Mut: Die Geschichte einer Frau zu erzählen, die nicht abnehmen will, ist auch heute immer noch bemerkenswert.

Dietland (TV-Serie, 2018)

Eine Filmkritik von Sonja Hartl

Wohltuende Rache(fantasien)

Eine dicke Frau muss unglücklich sein. Sie muss sich ändern wollen, sie muss abnehmen wollen. Ist sie doch einmal entgegen dieses Erzählmusters selbstbewusst und zufrieden, wird sie vom Drehbuch permanent der Lächerlichkeit preisgegeben und fungiert vor allem als Gag-Lieferant. Nicht in der Hauptrolle, versteht sich, sondern in der Nebenrolle. Paradebeispiel: Rachel Wilson in fast jeder Hollywoodproduktion. Denn es kann ja nicht sein, so erzählen es Kino und Fernsehen, dass eine dicke Frau tatsächlich ein erfülltes Leben hat.

Doch nun gibt es Dietland, die Serienadaption der gleichnamigen „feminist revenge fantasy novel“ von Sarai Walker. Im Mittelpunkt von Dietland steht Plum Kettle (Joy Nash). Eigentlich hat sie einen anderen Namen, aber alle nennen sie Plum, weil sie so weich ist. Weich und dick. Seit ewigen Zeiten träumt sie davon abzunehmen. Als Kind wurde ihr klar, dass sie dicker ist als andere, seit sie ein Teenager ist, ist sie auf Diät. Abgenommen hat sie aber nicht, daher will sie sich den Magen verkleinern lassen. Nach der OP, wenn sie kaum mehr etwas essen kann, ohne sich in Lebensgefahr zu bringen, wird sie abnehmen, sobald sie schlank ist, beginnt ihr eigentliches Leben. Für dieses Leben hat sie Träume, für dieses Leben kauft sie Kleider, in die sie noch nicht passt. Ihre Gegenwart ist daher ein Dasein im Wartestand, betäubt durch Psychopharmaka, die sie auf Anraten der Ärzte seit dem College nimmt.

Sie gibt sich zufrieden, im Namen der Chefredakteurin Kitty Montgomery (Julianna Margulies) Leserbriefe von jungen Mädchen zu beantworten, die diese an die Teenie-Zeitung schicken, für die beide arbeiten. Plum ist nicht im Büro, sie arbeitet von zuhause aus – und schätzt die sichere Vertrautheit des Viertels, in dem ihre Wohnung und ihr Stamm-Café liegen. Doch dann passiert etwas: Plum bemerkt, dass sie beobachtet wird. Anfangs hat sie Angst, dann lernt sie Leeta (Erin Darke) kennen und gerät durch sie an das Calliope-Haus, eine feministische Gruppe, die ihr Denken verändern wird. Und zur gleiche Zeit beginnt eine andere feministische Gruppierung namens „Jennifer“, Männer zu entführen, misshandeln und ermorden, die Frauen Gewalt angetan haben, aber damit davongekommen sind. 

Schönheitswahn, Vergewaltigungskultur, Sexismus, Gewalt als Mittel zur Gegenwehr – Dietland nimmt eine Vielzahl von Themen in Angriff und schreckt vor keinerlei Ambivalenzen zurück. Das zeigt sich schon an den Frauenfiguren: Plum ist diejenige, mit der die Zuschauer durch die Serie gehen, sie lädt zur Identifikation ein. In den Nebenrollen gibt es dann Frauen, die auf unterschiedlichste Arten für Erfolg und Feminismus stehen. Plums Chefin Kitty verkörpert eine Industrie, die Geld damit verdient, dass sie kaum zu erreichende Schönheitsideale vorgibt und dann die Wege und Mittel verkauft, sie zu erreichen; wohlwissend, dass sie nicht zu erreichen sind. Eine Industrie, die Cellulite und den Thigh Gap erfunden hat, die nur auf den Feminismus aufspringt, wenn er gerade angesagt ist und Absatz verspricht.

Zuletzt war dieser Ansatz bei der Werbekampagne eines Kosmetikherstellers zu sehen, der die passende Schminke für den „feminist look“ verkaufen wollte. In der Serie erkennt Kitty, dass „Jennifer“ etwas bei Frauen anspricht und sich mit ihrer Botschaft Zeitschriften verkaufen lassen. Zugleich steht Kitty selbst aber auch für einen bestimmten Frauentypus. Sie setzt auf ihr Aussehen, bezahlt jeden Preis dafür und hat es mit den „Waffen der Frauen“ an die Spitze geschafft: Schmeicheleien, Gefügigkeit, Attraktivität und sexuelle Gefälligkeiten. Kitty will sich das nicht nehmen lassen, sie will nicht einsehen, dass es vielleicht auch anders geht. Aber sie versteht die Wut, die „Jennifer“ zum Ausdruck bringt, weil sie ebenfalls wütend ist – und diese Erkenntnis sie fast überrascht.

Dagegen scheint die Leiterin des Calliope-Haus Verena Baptist (Robin Weigert) ausgeglichen und sanftmütig zu sein. Sie leitet eine Gruppe von Frauen, die dem „New Baptist Plan“ folgen, und auch Plum lässt sich überzeugen, diesen Weg zu gehen. Er sieht letztlich vor, dass Plum versteht, dass die Welt sexistisch ist und Schönheitsideale ein Weg sind, Frauen zu unterdrücken. Aber Verena lehnt direkte Gewalt ab. Sie bezeichnet sich als Pazifistin und ist überzeugt, dass der gewaltvolle Weg von „Jennifer“ falsch ist. Zudem deutet sich am Ende der Staffel auch an, dass sie für „white feminism“ stehen könnte.

Dietland spricht einige unschöne Wahrheiten aus, die bisweilen schmerzhaft sind, aber auch wohltuend sein können. Nachdem Plum entschieden hat, die Operation nicht durchzuführen, erkennt sie auch, dass allein ihr Körper schon eine Rache an der Gesellschaft sein kann. Indem sie sich nicht unterordnet, indem sie ihn nicht ändern will. Allein damit beweist die Serie auch in der Gegenwart Mut: Die Geschichte einer Frau zu erzählen, die nicht abnehmen will, ist auch heute immer noch bemerkenswert.

Zugleich versucht die Serie das Subgenre der „Rachefantasie“ zu erweitern: Wenn Frauen sich rächen, geht es in der Regel um die Rache wegen einer Vergewaltigung; bei Dietland beginnt sie indes schon früher und mit einem erweiterten Fokus: Es sind auch Frauen, die den gängigen Schönheitsnormen weitgehend entsprechen, die die Nase voll haben und sich deshalb von „Jennifer“ anfangs angesprochen fühlen und sie unterstützen. Es ist zu sehen, dass sich das gesellschaftliche Klima ändert, wenn die Angst, die jede Frau kennt, wenn sie alleine unterwegs ist, sich auf den Mann überträgt. Plötzlich erodieren die bestehenden Machtverhältnisse, aber die Frage ist, ob sie auch tatsächlich einstürzen.

Sicherlich ist in dieser Serie nicht alles perfekt – ein Ermittlungsplot ist unnötig, oftmals wird die Botschaft zu dick aufgetragen und ist der Einsatz beispielsweise von animierten oder Fantasy-Sequenzen unentschlossen –, aber Dietland wirkt wohltuend, indem die Serie eine Welt zeigt, in der Frauen sich bewegen können, ohne Angst zu haben; in der ihre Schmerzen ernstgenommen werden. Doch in den noch folgenden drei Folgen wird Plums Entwicklung und zunehmende Radikalisierung so schnell, dass sie kaum mehr nachzuvollziehen ist. Die Serie reißt kleine Fragen an – beispielsweise wie Plums bester Freund mit ihrem neuen Selbstbewusstsein umgeht – und reiht stattdessen Demütigungen und Gewalterfahrungen aneinander, die Plums Entwicklung begründen sollen, in der Häufung aber gewollt erscheinen.

Die Ambivalenzen häufen sich dadurch noch mehr – und am Ende ist kaum mehr eindeutig zu sagen, ob sie in diesem Ausmaß beabsichtigt sind. Sehr deutlich wird es am Ende der letzten Folge, wenn das Lied My Body is a cage erklingt und dazu eine atemlose Plum zu sehen ist. Hier fragt man sich, was das eigentlich soll in einer Serie, in der es doch gerade auch darum geht, sich selbst zu akzeptieren und den Körper zurückzuerobern. Aber eine zweite Staffel wird folgen, insgesamt hat Serienschöpferin Marti Noxon wohl drei Staffeln angelegt. Vielleicht also ist dieses Ende tatsächlich eine gute Überleitung.

Dietland (TV-Serie, 2018)

Im Mittelpunkt der neuen, mit großer Spannung erwartete Serie Dietland steht Plum Kettle, die bei einem New Yorker Modemagazin als Ghostwriterin für ihre Chefin Anfragen und Leser*innen-Briefe beantwortet. Da Plum nicht gerade dem Schönheitsideal entspricht, das das Magazin propagiert und dementsprechend versteckt wird, gerät sie irgendwann ins Visier einer feministischen Terrorgruppierung, der sie sich insgeheim anschließt.

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