Die zweite Überraschung der Liebe von Marivaux

Die zweite Überraschung der Liebe von Marivaux

Eine Filmkritik von Marie Anderson

Montag, 9. März 2009, arte, 22:40 Uhr

Sendetermin: Montag, 9. März 2009, arte, 22:40 Uhr
Ein Theaterstück im Fernsehen anzuschauen, ist wohl im Grunde ein noch schlimmerer Banausenakt, als Filme vor der Flimmerkiste zu konsumieren, die schließlich ins Kino gehören, so wie das Stück auf die Bühne. Doch wenn eine aktuelle Inszenierung des schweizerischen Theatermannes Luc Bondy zu seinem großen Thema der Liebe ausgestrahlt wird, die bei der RuhrTriennale 2008 Premiere feierte, sollte man sich das nicht entgehen lassen. Die zweite Überraschung der Liebe von Marivaux transportiert den betagten Stoff des französischen Dramatikers Pierre Carlet de Marivaux, schlicht Marivaux genannt, von 1727 in die Gegenwart, wo sich dieses Sujet nach wie vor als brandheiß erweist.

Da treffen zwei tragische Seelen aufeinander, die ein ähnliches Schicksal eint: Die Marquise (Clotilde Hesme) und der Chevalier (Micha Lescot) schwören jeder für sich dem schmerzhaften Geist der Liebe ab, nachdem sie ihre Liebsten gerade unwiderbringlich verloren haben. Während der Gatte der Marquise verstorben ist, hat die Geliebte des Chevaliers das Leben im Kloster gewählt, um der Unerfüllbarkeit ihres Begehrens zu entkommen. Es ist ein heftiges Seufzen, mit dem die Aufführung beginnt, das sich in den Klagen der Protagonisten fortsetzt, die sich gegenseitig ihre Herzen ausschütten und einen freundschaftlichen Pakt miteinander eingehen, von dem die verbannten Wirrungen der Liebe natürlich ausgeschlossen sind. Derweil vergnügen sich ihre Zofe Lisette (Audrey Bonnet) und sein Diener Lubin (Roch Leibovici) zwanglos gemeinsam, bereits wissend um die Unvermeidbarkeit einer allzu nahe liegenden Anziehung, während die Marquise und der Chevalier ängstlich bemüht sind, ihre spontanen Empfindungen jenseits der peinlich genau kontrollierten Distanz zu verdrängen …

Luc Bondy versteht es meisterhaft, diesen Dreiakter nach der Komödie von Marivaux mit grandioser Menschlichkeit in Szene zu setzen. Da harmoniert die Komik des Banalen mit der selbst eingerichteten Tagik des Vermeidens als Plädoyer für die mitunter schleichende Durchsetzungsfähigkeit der Liebe und des Begehrens als existenzielle Sehnsucht der Kreatur. Im unmittelbaren, puristischen Spiel einer Bühnenaufführung mit zauberhaften Kostümen von Moidele Bickel ereignet sich mit geradezu grausamer Intensität das zeitlose Ringen um die verteufelte wie glorifizierte Emotion der Emotionen schlechthin, getragen von einem äußerst jungen, frischen französischen Ensemble, das die Dialoge in der Originalsprache intoniert. Ein absolut sehenswertes Stück mit einer letztlich ebenso ernüchternden wie tröstlichen Prognose, das eine bedenkenswerte Perspektive auf die Vereinzelungstendenzen der modernen europäischen Gesellschaft wirft – insbesondere für diejenigen, die die Möglichkeit einer neuen Liebe verbannt haben.

Die zweite Überraschung der Liebe von Marivaux

Ein Theaterstück im Fernsehen anzuschauen, ist wohl im Grunde ein noch schlimmerer Banausenakt, als Filme vor der Flimmerkiste zu konsumieren, die schließlich ins Kino gehören, so wie das Stück auf die Bühne. Doch wenn eine aktuelle Inszenierung des schweizerischen Theatermannes Luc Bondy zu seinem großen Thema der Liebe ausgestrahlt wird, die bei der RuhrTriennale 2008 Premiere feierte, sollte man sich das nicht entgehen lassen.
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