Die Wand

Die Wand

Eine Filmkritik von Martin Gobbin

Im Spiegelkabinett

Nirgends hat der Mensch so viel Gelegenheit zur Reflektion wie in der Einsamkeit. Und viel einsamer als die namenlose Frau (Martina Gedeck) in der Literaturverfilmung Die Wand kann man nicht sein. Niemanden außer ihr scheint es in der Welt dieser kunstvollen Dystopie zu geben. Die Frau lebt wie in einem Spiegelkabinett: Vorsichtig tastend bewegt sie sich durch den Raum, um nicht gegen jene unsichtbare Wand zu stoßen, die eines Tages plötzlich da war und die Welt in zwei Sphären geteilt hat. Hier die eingeschlossene Protagonistin, dort der ausgeschlossene, in Leblosigkeit erstarrte Rest. Dieser Entzug des Außen zwingt die Frau zur Einkehr ins Innere. Sie spiegelt sich in den Notizen über ihr postapokalyptisches Leben – Notizen, die erst enden, als alles Papier aufgebraucht ist.
"Mein Herz hatte sich schon gefürchtet, ehe ich es wusste", heißt es darin einmal. Regisseur Julian Pölsler ist, wie man an diesem unfilmisch-poetischen Zitat merkt, eng an der Romanvorlage von Marlen Haushofer geblieben, hat seinen Film eher in den Dienst des Buchs gestellt als es neu zu interpretieren. Das ist Stärke und Schwäche zugleich, denn einerseits ist ihm eine visuell und atmosphärisch überzeugende Adaptation des als unverfilmbar geltenden Bestsellers gelungen – andererseits erdrückt der Text-getreue voice-over-Kommentar die Bilder allzu sehr. Bilder, die gar keiner Ergänzung durch Sprache bedurft hätten.

Schon das hochmetaphorische Tasten im Leeren, das Suchen nach Lücken in der Trennwand, ist ein schöner, ja fast surrealer Anblick. Insbesondere aber die stimmungsvollen Aufnahmen der Naturlandschaften sind ein Genuss. Die Wälder sind zu einem mystischen Grau-Blau entsättigt worden, majestätisch thronen die Berge darüber, weißer Schnee überzieht die Felder, das warme Gelb der Sonne bescheint die grünen Wiesen. Dieses Farbspiel wird noch verstärkt durch gelegentliche Schnitte aus bedrückend düsteren Bildern in lebhaft überstrahlte Einstellungen.

Fast die gesamte Handlung entwickelt sich im Rahmen von Flashbacks. Die Frau erinnert sich, wie sie sich langsam in der Einsamkeit hinter der Wand einzurichten begonnen hatte. Das sinnlos gewordene Aufziehen der Uhr, das tägliche Aufschreiben des Erlebten hatte zunächst jene Ordnung in diese neue Welt bringen sollen, die sie aus ihrem alten Leben gewöhnt war. Nach dieser Verdrängungsphase hatte die Resignation eingesetzt – nur die Verantwortung für ihre Tiere (ein Hund, zwei Katzen, zwei Rinder und eine weiße Krähe) hatte die Frau am Leben gehalten.

Die entscheidende Stärke des Science-Fiction-Genres ist seit jeher seine philosophische Tiefe gewesen, die in der Auseinandersetzung mit dem Anderen das Selbst ergründet. Im lo-fi-Science-Fiction-Drama Die Wand eröffnet die Isolation der Protagonistin den Weg zum ozeanischen Gefühl. Nicht mehr an die Interaktion mit Menschen gewöhnt, löst sich ihr Individualismus nach und nach auf und verwandelt sich in ein kosmisches Einheitsempfinden, in ein "Wir", das Spezies-Grenzen überwindet und die Frau mit ihren Tieren verbindet. Die Wand mag sie von ihren Mitmenschen getrennt haben – zugleich aber ist die Trennwand zwischen Mensch und Natur eingerissen.

Aus dieser Dialektik erwächst auch die Zivilisationskritik der Erzählung. In einer explizit symbolischen Szene fährt die Frau einen Wagen an die Wand. Erst als das Auto, jene Insignie der modernen Industriegesellschaft, zerstört und eine Art Naturzustand wieder hergestellt ist, findet die Protagonistin zu sich und einem inneren Frieden. Der Mangel an Liebe, resümiert sie, habe die Menschheit in die selbst verschuldete Katastrophe geführt. Einer spektakulären Darstellung dieses endzeitlichen Daseins verweigert sich der äußerst ruhige, ernsthafte Film ebenso wie einer Entlastung durch humoristische Elemente. Die Bedrohung wird hier nicht in Chaos und Gewalt übersetzt, sondern deutet sich lediglich mit einem unheilvollen Dröhnen auf der Tonspur an. An anderen Stellen wird der Ton gänzlich abgedreht, die verzweifelten Schreie der Frau bleiben für das Publikum stumm – ihre Lebenswelt rückt in eine unerreichbare Ferne, die Leinwand wird zum Äquivalent der Titel-gebenden Wand, die die Protagonistin vor dem Rest der Welt, deren Teil wir sind, verschließt.

Schade ist, dass Regisseur Julian Pölsler der Visualität entweder nicht ganz traut oder der literarischen Vorlage allzu große Reverenz erweist, indem er aus dem Film mitunter ein Hörbuch mit Bildern macht. Immer wieder erzählt die Frau im Kommentar genau das, was wir sowieso sehen.

Das Spiel, das der Film mit verschiedenen Zeitebenen betreibt, soll kunstvoll wirken, ist aber mitunter vor allem verwirrend. Am Ende, als die Frau einen schweren Verlust erleidet, verkitscht eine Szene diese Erfahrung etwas mit überdramatisierenden Zeitlupen. Auch findet Pölsler ein wenig zu sehr Gefallen an rätselhaften, aber narrativ nicht aufgelösten Motiven sowie am altbekannten Trick, die Hauptfigur Traumatisches erleben zu lassen, nur um es dann als Traum aufzulösen.

Insgesamt aber gehört Die Wand zu den beeindruckenden Beispielen jener Welle apokalyptischer Filme, die rechtzeitig zum vermeintlichen Katastrophenjahr 2012 über die immer noch nicht untergegangene Welt hereingebrochen ist (Melancholia, Take Shelter - Ein Sturm zieht auf, Perfect Sense, Another Earth).

Die Wand

Nirgends hat der Mensch so viel Gelegenheit zur Reflektion wie in der Einsamkeit. Und viel einsamer als die namenlose Frau (Martina Gedeck) in der Literaturverfilmung "Die Wand" kann man nicht sein. Niemanden außer ihr scheint es in der Welt dieser kunstvollen Dystopie zu geben. Die Frau lebt wie in einem Spiegelkabinett: Vorsichtig tastend bewegt sie sich durch den Raum, um nicht gegen jene unsichtbare Wand zu stoßen, die eines Tages plötzlich da war und die Welt in zwei Sphären geteilt hat.
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Meinungen
Annette Read · 06.10.2014

Der Film "die Wand"hat mich sehr beeindruckt. Ich habe nur vermisst dass die phantastische Musik und der ausgezeichneten Interpret in keiner Zeile erwähnt wurden.Es ist leider sowohl am Filmende noch im Internet nicht zu erkennen wer die Solosuiten von Bach gespielt hat.Für mich ist die musikalische Auswahl ein wichtiger Bestandteil dieses wunderbaren Films.Schade dass diese Tatsache keine Beachtung findet. Dies schrieb Annette Read

Anna Kontorrigopulos · 18.12.2013

Ich kenne das Buch. Nur das Buch. Und bin sehr gespannt, ob die Verfilmung mich überzeugen kann.

Carsten · 11.05.2013

Für mich ist der Film nicht weit genug gegangen. Zwar fällt die Trennwand zwischen Ihr und der Aussenwelt, aber zieht sich dann auch wieder hoch. Statt der gewonnenen Einheit mehr Raum zu geben, verfällt der Film wieder in diese Zersplitterung. Liebe ist ja genau das Verschmelzen der zerrissenen Teile, das Einswerden mit dem All, das man immer, egal wo man ist, bei sich ist und das dies nie anderst war. Der äusserst fruchtbare Gedanke des All-Ein-Seins wird nicht weiter ausgeformt, was ich als absolut vergeudetes Potential empfunden habe. Stattdessen hat man sich entschieden, eine Halbwahrheit zurückzulassen, als den Quantensprung zu wagen, der das Herz vieler Kinobesucher mit Sicherheit erwärmt hätte.

Andrea Arthouse · 26.01.2013

Die Bilder überragend, die Sprache wirkt manchmal aufgezwungen und nimmt den Bildern den Fluss und die vorhandene Tiefe, es wird dem Zuschauer vorgeschrieben was er zu sehen hat und dadurch unbeabsichtigt Distanz zum Geschehen erzeugt. Trotzdem trifft der dramatische Höhepunkt mich hart - wieviel Verlust kann nach dem totalen Verlust noch kommen? Ich musste schon beim Buch (3x gelesen) jedes Mal weinen. Ein atmosphärischer Film, ein überragendes Buch, eine unendlich traurige existentialistische Geschichte.

sylvia kroell · 06.01.2013

ich liebe diesen film und das buch

Alex · 20.12.2012

Faszinierend! Wieeee? Hat sich der Mensch entwickelt? Was hebt ihn vom Affen ab, außer seiner analytischen Fähigkeiten und seiner Sensibilisierung in Kunst und Religion? Tatsächlich wird in „Die Wand“ eine gewisse Verrohung umrissen. Ich erwarte einen gewissen Realismus und keine Beflügelung von Fantasien!

Multicolorida · 15.11.2012

Ich habe das Buch nicht gelesen. Mir fehlt also der Vergleich. Der Film ist nichts für Menschen, die nur Blockbuster und Filme mit Kathereine Heigl, Jennifer Aniston und Konsorten mögen. Leute, die sich auch mal Filme von Arte sehen, sollten sich den Film auf jeden Fall ansschauen. Ich habe den Film als extrem beklemmend aber doch sehr beeindruckend empfunden. Niemals habe ich bisher einen Film mit so wenigen (menschlichen) Darstellern gesehen. Martina Gedeck spielt sehr gut und selbst die tierischen Darsteller scheinen sich wirklich wohl zu fühlen und starren nicht nur auf Handzeichen ihrer Halter wie es in so manch anderen Filmen der Fall ist. Die Aufnahmen sind sehr stimmungsvoll. Die Jagdszenen und die Szene in dem der Hund getötet wird waren sehr aufrührend. Stellenweise konnte ich hier nicht hinschauen. Aber vermutlich sind die Szenen auch genauso im Buch dargestellt. Besonders gewundert hat mich bei "Die Wand", dass die Hauptfrage, worum es sich bei der Wand handelt und wann und ob die Darestellerin jemals frei kommt, nicht geklärt wird. Wer sich darauf einlassen kann und sich tiefen psychologischen Fragen stellen kann, sollte sich den Film unbedingt anschauen!

frauimlilikleid · 11.11.2012

In den letzten 25 Jahren das Buch dreimal gelesen. Jetzt den Film gesehen,die Geschichte beeindruckt mich immer wieder! Ein Mensch auf sich selbst zurückgeworfen, zeigt, wie rein sein Charakter wirklich ist, alle Facetten kommen zum Vorschein, er muss sein wahres Ich zu erkennen geben, die Tiere sind immer wahrhaftig.

espe · 05.11.2012

Wer das Buch gelesen hat, sollte den Film u n b e d i n g t ansehen.
Der Inhalt wurde gut umgesetzt.
Wer hier von KITSCH redet, hat den Film oder/und das Buch nicht verstanden.
Ich werde das Buch nun zum 4.Mal lesen!

Jörg · 21.10.2012

Metaphorische Darstellung schwerer psychischer Störungen, (Suizidalität, Depression).

ggsunshine · 14.10.2012

Ihr müsst das Buch lesen! DAS ist empfehlenswert.

Sindy · 11.10.2012

Ein tiefgehender Film der zugleich beängstigt und befreit. Sehr empfehlenswert!

gisbert · 11.10.2012

@ riedl: wer hat da Angst vor Kitsch?

@Lieschen · 10.10.2012

Aber natürlich - ein klasse Film. Grüsse, Mike

Lieschen Müller · 09.10.2012

ja, was denn jetzt?? Film angucken - oder nicht??

riedl · 31.08.2012

WARNUNG: Das ist erbarmungsloser Kitsch!

wignanek-hp · 17.02.2012

Die Kritik der Rezensentin geht an der Intention des Filmes vorbei. Die Hauptperson, wie wir sie am Anfang des Filmes erleben, ist stilistisch stark reduziert, was nichts über ihre sogenannte emotionale Kälte aussagt, sondern vielmehr etwas darüber, zu welchem Zeitpunkt die Geschichte erzählt wird, nämlich aus der Rückschau nach zwei Jahren. Dass die Hauptperson zu diesem Zeitpunkt kaum mehr eine Beziehung zur Menschenwelt hat, ist verständlich, auch ihr sehr starker Bezug zu ihren Tieren, vor allem zu ihrem Hund Lux. Die Tiere sind ihre Begleiter geworden, von ihnen hängt ihre Existenz ab, ihre materielle, aber vor allem auch ihre emotionale.
Ihr Handeln am Ende des Filmes, das isoliert als roh und herzlos erscheinen mag, ist in diesem Zusammenhang durchaus verständlich. Da erscheint plötzlich ein Mensch, der ihre ganze Existenz bedroht, von der wir durch die Erzählerin wissen, wie fragil sie ist. Sie wehrt sich mit den Mitteln, die ihr zur Verfügung stehen. Die normalen Regeln der Zivilisation sind hier längst außer Kraft gesetzt. Man könnte von archaischen Zuständen sprechen, in denen nur noch das Überleben und hier vor allem das emotionale zählt. Nur die großartige Martina Gedeck kann so eine stumme Rolle mit einer derartigen Wucht mit Leben füllen, dass die Geschichte über neunzig Minuten trägt. Ein wahrlich großes Filmerlebnis!

Kommentare

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