Die Vierhändige

Die Vierhändige

Eine Filmkritik von Harald Mühlbeyer

Niemals allein, immer zu zwein

Nichts schweißt so zusammen wie ein gemeinsames Erlebnis. Je stärker das Erlebnis, desto größer der Zusammenhalt. Und wenn es ein Trauma ist, gewaltsam, lebensverändernd: dann können zwei Menschen geradezu verschmelzen … Oliver Kienle lässt in Die Vierhändige die Schwestern Sophie und Jessica eins werden, unter dem Eindruck einer entsetzlichen Gewalttat, Auslöser für einen gelungenen psychologischen Thriller.

Eine hochherrschaftliche Villa neben riesigen Industrieanlagen: Damit ist der Horror eigentlich schon etabliert. Solche Anwesen können nur mit dem Bösen in Verbindung stehen. Zunächst aber glückliches vierhändiges Klavierspiel zweier Kinder. Dann klingelt es an der Tür. Der Vater und die Mutter werden hingemetzelt. Die Kinder, unterm Sofa versteckt, sind Zeugen. Und die Ältere schwört, die Jüngere zu beschützen.

Als Erwachsene sind sie noch immer unzertrennlich. Doch auch gefangen in einem Schutz- und Dominanzverhältnis, bestimmt durch das damalige Verbrechen, das ein normales Leben unmöglich macht. Noch immer wohnen die beiden in dem Haus. Und noch immer spielt Sophie, die Sanfte, Klavier, die Aufnahmeprüfung fürs Konservatorium steht bevor. Just zu diesem Zeitpunkt kommen die beiden Mörder aus der Haft. Und Jessica, die Wilde, übertreibt es mit ihrem Beschützergestus.

Ergebnis: Ein Unfall. Ein Aufwachen in der Klinik. Und nur noch eine Schwester ist da. Das ist ein hervorragender Ausgangspunkt für ein Doppelgänger-Schizo-Psychostück, in dem natürlich die Liebe hineinspielt – der Arzt im Krankenhaus ist einfach zu nett –, in dem das Spiel der Identitäten ausgebreitet wird, in dem Sophie des Nachts als Jessica durch die Straßen streift und am nächsten Tag von nichts mehr weiß … Jekyll und Hyde: Immer eine gute Idee.

Nun krankt der Film etwas an einigen abgeschmackten Szenen. Das enge Krankenzimmer, in Düsternis getaucht, mit flackernden Lichtern und unheilvollen Geräuschen: zu oft schon hat man Ähnliches gesehen. Doch dass Kienle des Öfteren die rostigen Werkzeuge aus dem Horrorbaukasten benutzt, macht er wieder gut mit einigen hervorragenden Ideen. Das Eindringen in das Haus des damaligen Mörders: Eine lange Fahrt der Kamera, die um die Ecken schleicht, durch Räume streift, sich umblickt, ängstlich duckt und mutig voran gleitet – das ist große Kunst. Und der Kassettenrecorder, den die beiden Schwestern – die ja jetzt eine sind – benutzen, um Botschaften der einen Identität an die andere weiterzugeben … Oder, ganz simpel, die GPS-App auf dem Handy, die der einen die nächtlichen, heimlichen Wege der anderen offenbaren ...

Das sind wunderbare Einfälle, die das Mysteriöse, das Unheimliche, das Spannende des Films ausmachen. Und am Ende, ja: Da sitzt die Schwester am Klavier, spielt vierhändig, obwohl sie alleine ist. Aber sie fühlt sich im Plural.
 

Die Vierhändige

Nichts schweißt so zusammen wie ein gemeinsames Erlebnis. Je stärker das Erlebnis, desto größer der Zusammenhalt. Und wenn es ein Trauma ist, gewaltsam, lebensverändernd: dann können zwei Menschen geradezu verschmelzen … Oliver Kienle lässt in Die Vierhändige die Schwestern Sophie und Jessica eins werden, unter dem Eindruck einer entsetzlichen Gewalttat, Auslöser für einen gelungenen psychologischen Thriller.

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Die Vierhändige
Niemals allein, immer zu zwein
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16 (Festival)
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Produktionsland
Filmlänge
94 Min
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