Die Träumer - The Dreamers

Die Träumer - The Dreamers

Eine Filmkritik von Joachim Kurz

Neues vom Altmeister

Nachdem die letzten Filme Bertoluccis die Kritiker eher enttäuschten, legt der italienische Meisterregisseur mit The Dreamers nun ein Werk vor, das viele Kritiker nicht von ungefähr an seinen Skandalfilm Der letzte Tango von Paris erinnert. Abermals ist Paris der Ort der Handlung und abermals entwickelt Bertolucci in einem beklemmenden Kammerspiel ein Szenario der Lüste und der Leidenschaften.
Bei den – tatsächlich stattgefundenen – Protesten gegen die Entlassung von Henri Langlois, dem legendären Leiter der Cinémathèque in Paris, treffen in den unruhigen Tagen des Mai 1968 drei junge Filmenthusiasten aufeinander: der junge Amerikaner Matthew (Michael Pitt) sowie das französische Zwillingspaar Theo (Louis Garrel)und Isabelle (Eva Green). Nach der Schließung des Kinos nehmen die beiden Geschwister Matthew in ihrer Wohnung im Quartier Latin auf und beginnen dort ein zunächst harmloses Quiz, um herauszufinden, wer von den dreien sich am besten in der Filmgeschichte auskennt.

Doch das Spiel entwickelt zusehends eine brisante Eigendynamik, immer gewagter, tabuloser und obszöner werden die Szenen, die die drei Filmfreaks sich gegenseitig vorspielen. Die Ereignisse in der realen Welt rücken mehr und mehr in den Hintergrund, bis die drei Träumer sich schließlich eine hermetische Welt des Begehrens geschaffen haben, ein Experimentierfeld der erwachenden Sexualität, das bis zum Äußersten geht. Erst ein Stein von der Straße, der das Fenster der mittlerweile verwahrlosten Wohnung zerbricht, holt die drei schließlich in die Realität zurück und lässt sie schließlich den Weg zurück in die Realität finden.

Bertolucci lässt in seinem neuen Film viel vom Geist der Revolution erahnen, der in jenen bewegten Tagen im Mai 68 auf den Straßen von Paris herrschte, er thematisiert die sexuelle Befreiung und den Aufbruchsgeist ebenso wie die Wünsche nach einem wilden und gefährlichen Leben, das oft genug kläglich scheiterte und zum viel beschworenen Marsch durch die Institutionen führte. Zugleich aber bietet Bertolucci auch ein sinnliches und anregendes Spiel mit Filmzitaten, die von Truffaut über Godard und Bresson bis hin zu von Sternberg reichen. Und zugleich sahen die Gesichter der Revolution – verkörpert durch die drei noch relativ unbekannten Darsteller Michael Pitt, Louis Garrel und Eva Green – noch nie so verdammt gut und sexy aus wie in Die Träumer. Es sollte also nicht wundern, wenn im Kinosaal so mancher arrivierte Grünen-Politiker oder berühmte Filmkritiker sich eine Träne aus dem Auge wischt, in Erinnerung an die „guten alten Zeiten“.

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