Die Strohpuppe

Die Strohpuppe

Eine Filmkritik von Thorsten Hanisch

James Bond auf Abwegen

Sean Connery gilt besonders bei älteren Semestern als „bester Bond aller Zeiten“. Und ja, der Schotte hat das Bild des frauenverschlingenden, Bösewichte im Akkord ins Jenseits befördernden, immer leicht arroganten Superagenten sicherlich maßgeblich geprägt. Wenn man aber mal kurz die Retro-Brille abnimmt, kann man aus heutiger Sicht durchaus ebenso mit Recht attestieren, dass dem natürlich wahnsinnig gut aussehenden Mann dank seiner unterschwellig düster-brutalen Aura, gepaart mit dem nicht immer freundlichen Umgang mit Frauen, dezente Vergewaltiger-Qualitäten anhaften.
Vielleicht nicht ganz so drastisch, aber so ähnlich müssen das bereits 1964 die Macher von Die Strohpuppe gesehen haben, die für ihren Film einen Darsteller suchten, der gut genug aussieht, um dem Publikum überzeugend eine Affäre mit Traumfrau Gina Lollobrigida vermitteln zu können, dem man aber auch ohne zweimal zu überlegen einen kaltblütigen, hintertriebenen Mörder abnimmt. Und da kam Sean Connery, der von seinem neuen, völlig unterbezahlten Weltstar-Ruhm als James Bond nach zwei Filmen schon leicht die Backen dick hatte und gerne mal was völlig anderes machen (und auch besser bezahlt werden wollte), gerade recht.

Der Film ist eine Adaption des gleichnamigen Romans der französischen Schriftsteller-Legende Catherine Arley und so gewitzt konstruiert, dass man auch nach über 50 Jahren mit Plotdetails geizen sollte — deswegen nur folgender Anriss: Der stinkreiche, allerdings an einen Rollstuhl gefesselte Charles Richmond (Ralph Richardson) ist wie viele Menschen mit zu viel Geld und zu kleinem Ego: Ein Tyrann, der ohne Ausnahme jedem in seiner Umgebung auf den Zeiger geht und zu allem Überfluss noch einen Hang zum fiesen Rassismus hat. Vor seinen Launen ist auch Neffe Anthony (Sean Connery) nicht sicher, dessen Vater einst von seinem Onkel in den Selbstmord getrieben wurde. Doch als Anthony die Krankenpflegerin Maria (Gina Lollobrigida) engagiert, findet Charles überraschenderweise sein Herz unter der hassübersäten Oberfläche wieder — was Anthony auf finstere Gedanken bringt, denn der will sich nicht nur an seinem Onkel rächen, er will an sein Vermögen und Maria soll ihm dabei helfen.

Die Strohpuppe darf mit Fug und Recht als klassisches Schauspielerkino bezeichnet werden. Der vom Basil Dearden (Khartoum, Ein Mann jagt sich selbst) routiniert, aber zurückhaltend inszenierte Film setzt voll und ganz auf Plot und Schauspieler und er kann auch voll und ganz auf Plot und Schauspieler setzten, da beides Gold ist: Die Handlung lässt sich dankenswerterweise mit der Etablierung der Charaktere viel Zeit, dreht den Strick dann aber umso straffer zu: Wenn Connery, der hier so ölig und fies wie nur selten in seiner Karriere auftritt, der zwar oberflächlich dominanten, aber an sich herzensguten Lollobrigida sein wahres, hässliches Gesicht offenbart, leidet man mit der Lollo, die hier von hart über zart bis hin zum totalen Wrack die ganze Palette auffährt, unweigerlich mit, auch weil die Chemie zwischen den beiden absolut stimmig ist. Der dritte im Bunde, Ralph Richardson, steckt ebenfalls keinen Zentimeter zurück und gibt wie entfesselt den Vollarsch mit einer überraschend verletzlichen Seite.

Es mag sein, dass sich diese Kritik in der Endabrechnung etwas schlicht anhört: Gute Story, drei tolle Darsteller — das soll reichen, um 117 Minuten voll zu machen? Aber ja, denn wie in anderen Krimiklassikern aus dieser oder der folgenden Epoche (etwa dem unvergesslichen Mord mit kleinen Fehlern von 1972) backt Deardens Film mit nur wenig Zutaten ein extrem nahrhaftes Gericht. Eben weil er es kann.

Die Strohpuppe

Sean Connery gilt besonders bei älteren Semestern als „bester Bond aller Zeiten“. Und ja, der Schotte hat das Bild des frauenverschlingenden, Bösewichte im Akkord ins Jenseits befördernden, immer leicht arroganten Superagenten sicherlich maßgeblich geprägt.
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