Die Stimme des Adlers

Die Stimme des Adlers

Eine Filmkritik von Peter Gutting

Eine Kindergeschichte aus der Mongolei

Der Adler ist mehr als nur ein Raubvogel. Er ist Symbol und Mythos, ein Sinnbild göttlicher Stärke. Und er ist manchmal auch eine Filmfigur, wie in diesem liebevoll erzählten Familienfilm.
Das faszinierendste Bild steht ganz am Anfang: zwei Adleraugen in Großaufnahme, die direkt in die Kamera blicken – hellwach, neugierig und unheimlich. Die Einstellung ist Teil eines Traumes, der immer wiederkehrt. Denn der Blick des Adlers spiegelt bei aller Gefahr auch eine Vertrautheit. Dass das Tier einen solchen direkten Kontakt aufnimmt, sei keine Selbstverständlichkeit, erklärt der Vater, ein Adlerjäger in der fünften Generation, seinem Sohn. Dazu brauche es viel Geduld und Einfühlungsvermögen.

An beidem mangelt es Bazarbei. Der Zwölfjährige hat überhaupt keine Lust, in die Fußstapfen seines Vaters zu treten. Er hat wenig am Hut mit der Kunst, den majestätischen Vogel zum Partner zu machen und mit seiner Hilfe Hasen, Füchse oder sogar Wölfe zu erlegen. Bazarbei will raus aus der traumhaft schönen Berg- und Wüstenlandschaft im Westen der Mongolei. Der Junge träumt vom Leben im 1.600 Kilometer entfernten Ulaan Bator, Hauptstadt der Mongolei: ein Albtraum von Fabriken, Plattenbauten und stinkendem Verkehr.

Dahin macht sich Bazarbei nach einem Streit mit dem Vater tatsächlich auf, ganz allein, zu Fuß und per Anhalter. Der Alte weiß, dass er seinen willensstarken Sohn nicht einsperren kann. Aber er schickt dem Jungen den Adler hinterher auf die gefährliche Reise. So entspinnt sich ein Abenteuer, das seinen Charme und seine Spannung nicht zuletzt aus der Beziehung zwischen dem Kind und dem Vogel bezieht.

Es wundert kaum, dass sich der dänische Regisseur René Bo Hansen vor allem als Dokumentarfilmer einen Namen gemacht hat. Die Stimme des Adlers / The Eagle Hunter’s Son ist zwar ein Spielfilm mit einer inszenierten Handlung. Aber die geradlinig erzählte Geschichte bezieht ihren Reiz aus der Nähe zur Realität. Alle Darsteller sind Laien. Bazarbei Matyei, der Hauptakteur, ist tatsächlich Sohn eines Adlerjägers. Die Probleme mit dem Vater waren einmal Teil seines realen Lebens. Aber inzwischen hat er den Konflikt zwischen Tradition und Moderne auf seine eigene Weise gelöst – ganz ähnlich wie in der Filmhandlung.

Bazarbeis Geschichte ist natürlich ein ideales Sujet für Kinder ab acht Jahren. Da gibt es den überaus mutigen Helden, die gefährliche Welt mit ihren Bösewichtern, das Tier als treuen Gefährten und ein junges Mädchen, dessen Zuneigung Bazarbei auf seiner Reise gewinnt. Aber der Film hat auch für Erwachsene seine Qualitäten. Da gibt es den Einblick in eine faszinierende Lebensform, die von der Moderne bedroht ist. Da gibt es den klug erzählten Vater-Sohn-Konflikt, der viel von der Lebensweisheit naturverbundener Menschen durchblicken lässt. Und da gibt es vor allem diese Nähe zu einem Tier, das man in der Regel nur aus dem Zoo kennt. Aber das Kino macht es möglich: Schau’ mir in die Augen, Adler.

Die Stimme des Adlers

Der Adler ist mehr als nur ein Raubvogel. Er ist Symbol und Mythos, ein Sinnbild göttlicher Stärke. Und er ist manchmal auch eine Filmfigur, wie in diesem liebevoll erzählten Familienfilm.
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