Die Stämme von Köln

Die Stämme von Köln

Eine Filmkritik von Marie Anderson

Donnerstag, 31. Januar 2013, WDR, 23:15 Uhr

Noch ist eine kleine Weile Zeit, bis in Köln der Höhepunkt des Karnevals ausbricht, doch das regionale Fernsehprogramm schickt bereits hier und da die närrischen Vorläufer des gigantischen Spektakels ins Feld. Obwohl diese Dokumentation von Anja Dreschke von 2010 heutzutage nur noch recht wenig mit der „Kölsche Fasteleer“ zu tun hat, passt sie dennoch wunderbar zur fünften Jahreszeit, denn auch hier geht es auf höchst anregende Weise um Sitten und Bräuche, die sich einst aus dem Karneval entwickelt haben.
Sie nennen sich 1. Altstädten Burbacher Tatarenhorde, Clan der freien Mongolen 1992 und Breitbacher Hunnenhorde e.V., und so abenteuerlich, wie diese Vereinsbezeichnungen klingen, gestalten sich auch die Aktivitäten dieser kuriosen Sozietäten, die in Köln und Umgebung ihre Leidenschaft für frühere Kulturen ausleben. Bei regelmäßig stattfindenden Treffen, Lagern und Festlichkeiten verwandeln sie sich durch Kleidung, Schminke und Gebaren in moderne Repräsentanten meist eines mittelalterlichen Volkes, deren Alltag und Riten sie so authentisch wie möglich nachempfinden und präsentieren. Bedeutet dies für manche Mitglieder lediglich ein ebenso spannendes wie geselliges Hobby, haben andere wiederum ihre gesamte Lebensphilosophie auf ihre „Stammeszugehörigkeit“ eingestellt. Die Ethnologin Anja Dreschke hat im Rahmen ihres Dissertationsprojekts über ein Jahr lang eine Auswahl an Vereinen und Menschen besucht, die sich als „Kölner Stämme“ zusammengeschlossen haben, und ihr dokumentarisches Filmdebüt kommt nun auf die große Kinoleinwand.

Ursprünglich einmal aus der Karnevalskultur enstanden, haben sich die Mitglieder der Kölner Stämme überwiegend längst von dieser Tradition entfernt, um ihre ganz eigene Ausrichtung zu verfolgen, die für das Gros der Aktiven in einer weitreichenden Identifikation mit den Ausprägungen und Inhalten der jeweiligen Kultur besteht. Dabei ist die Sorgfalt, mit welcher die einzelnen Anhänger ihre Passion pflegen und ausstatten, nicht bei allen gleichermaßen stark und kenntnisreich vorhanden, doch die wahrhaft Engagierten scheuen sichtbar keine Mühen, um sich nach umfassender Recherche und regem Austausch unter Gleichgesinnten bis ins Detail liebevoll gestalteten und ebenso inszenierten Rollenspielen hinzugeben. Erscheinen die Umtriebe dieser „Völkchen“ auch anfangs reichlich seltsam und spielerisch orientiert, richtet sich der Fokus der Dokumentation zunehmend auf die umfassende Ernsthaftigkeit der selbst ernannten Hunnen und Mongolen.

Anja Dreschke geht es bei Die Stämme von Köln offensichtlich darum, die Motivationen dieser Menschen zu erkunden, die sich – nicht selten im Zuge einer kritischen Distanz derjenigen gegenüber, in die sie hineingeboren wurden – derart intensiv mit anderen Kulturen beschäftigen, dass diese zur dominierenden Richtschnur in ihrem Leben werden. Zuvorderst bei der Darstellung der Schamanen unter den „Völkern“, die in der zweiten Hälfte der Dokumentation reichlich Raum einnimmt, wird deutlich, dass neben den Aspekten der Geselligkeit, Spielfreude und Exotik vor allem der Sehnsucht nach Spiritualität und deren Zelebrieren eine große Bedeutung zukommt. Diese religiöse Komponente, die häufig auch in Abgrenzung zur christlichen Tradition zu sehen ist, geht mit einer starken emotionalen und geistigen Identifikation mit dem selbst gewählten kulturellen System einher. Dass dieses allein schon auf Grund sprachlicher Differenzen eine seltsame Mischform darstellt, ist so unvermeidlich wie der Kölner Realität geschuldet, die letztlich doch reichlich Kompromisse erfordert, die mitunter geradezu rührend bis heiter anmuten.

Auch wenn es nicht immer leicht ist, die genaue Zugehörigkeit der einzelnen Stammesmitglieder, die porträtiert werden, zu identifizieren, stellt Die Stämme von Köln insgesamt eine gelungene, dramaturgisch wohl gestaltete Dokumentation dar. „Du kanns nix sein, was nit schon in dir is“, philosophiert gegen Ende des Films einer der Schamanen, „da is wat, wat in mir schlägt (…), da geht wat in mir ab“, und transportiert damit auf charmante Art die Anziehungskraft und persönliche Bedeutung, die die Verbundenheit mit der mittelalterlichen Kultur für ihn hat. Es ist diese kuriose Form der Hybridität der Kölner Stämme sowie der respektvolle Umgang der Regisseurin mit den Porträtierten, die diesen Film zu einem Kleinod inmitten einer allgemeinen modernen Dokumentationspraxis erheben, die in ihrer Fixierung auf Spektakuläres allzu oberflächlich daherkommt und ihre Protagonisten nicht selten lediglich der Lächerlichkeit preisgibt.

Die Stämme von Köln

Noch ist eine kleine Weile Zeit, bis in Köln der Höhepunkt des Karnevals ausbricht, doch das regionale Fernsehprogramm schickt bereits hier und da die närrischen Vorläufer des gigantischen Spektakels ins Feld. Obwohl diese Dokumentation von Anja Dreschke von 2010 heutzutage nur noch recht wenig mit der „Kölsche Fasteleer“ zu tun hat, passt sie dennoch wunderbar zur fünften Jahreszeit, denn auch hier geht es auf höchst anregende Weise um Sitten und Bräuche, die sich einst aus dem Karneval entwickelt haben.
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