Die Sehnsucht der Schwestern Gusmão (2019)

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Eine Stadt, zwei Schwestern, ein Melodram wie in Trance. Regisseur Karim Aïnouz blickt auf Brasilien in den 1950ern und auf all die Steine, die Männer Frauen in den Weg gelegt haben.

Die Sehnsucht der Schwestern Gusmão (2019)

Eine Filmkritik von Falk Straub

Zwei unsichtbare Leben

Karim Aïnouz, 1966 als Sohn einer Brasilianerin und eines Algeriers in Fortaleza geboren, lebte schon in New York und Berlin. Wie der Regisseur pendeln auch seine Filme zwischen den Welten. Mal erzählen sie vom alten Europa, mal vom neuen Kontinent, mal von deren Verschränkung wie in „Praia do Futuro“, oft von Fluchtbewegungen wie in „Zentralflughafen THF“, einem Dokumentarfilm über die Notunterkunft in Tempelhof. Seine Werke sind Stammgäste bei den Filmfestivals in Cannes, Berlin und Venedig. Sein jüngstes Drama hat an der Croisette den Preis in der Reihe Un Certain Regard erhalten.

Für Aïnouz bedeutet diese Arbeit eine Rückkehr. War sein allererster Dokumentarfilm eine Hommage an seine Großmutter und deren vier Schwestern, blickt er nun auf die Generation seiner Mutter. Europa bleibt ein Sehnsuchtsort, kleine Fluchten sind allgegenwärtig. Anfang der 1950er lebt der aus Portugal ausgewanderte Bäcker Manoel (António Fonseca) gemeinsam mit seiner Frau Ana (Flávia Gusmão) und den beiden Töchtern Guida (Júlia Stockler) und Eurídice (Carol Duarte) in Rio de Janeiro. Eurídice träumt von einer Karriere als Konzertpianistin in Wien, Guida von Liebe und Freiheit. Doch die konservativen Wertvorstellungen ihres Vaters und der Gesellschaft verstellen den Weg.

Guida brennt mit dem Matrosen Iorgos (Nikolas Antunes) durch, kehrt mit dickem Bauch heim und wird vom Vater verstoßen. Die Vögel krächzen, Blätter rauschen und der Wind schlägt die Tür für Guida für immer zu. Arbeits- und mittellos kommt sie bei Zufallsbekanntschaft Filomena (Bárbara Santos) unter. Diese wird Guida und ihrem Sohn über die Jahre hinweg zu einer Ersatzfamilie. Den Schmerz über den Verlust der eigenen Schwester vermag die Solidarität der zwei Frauen aber nicht zu lindern.

Während Guida sich mit ihrer ungewollten Mutterrolle erst anfreunden muss, versucht Eurídice alles, um das Kinderkriegen zu vermeiden. Mit ihrem Ehemann Antenor (Gregório Duvivier) durchlebt sie eine Hochzeitsnacht zwischen Slapstick und Tragik. Flüchtige Geschlechtsakte zwischen Erotik, Komik und Drastik folgen. Einzig am Klavier scheint sie frei, flieht in eine andere Welt. Die Geburt ihrer Tochter macht ihren Traum vorerst zunichte. Jahre später erhält Eurídice eine zweite Chance und wird abermals schwanger. Mutterschaft als Gefängnis. Den Schlüssel halten die Väter und Ehemänner in der Hand, die Sittenwächter – egal ob Beamte, Ärzte oder Arbeitskollegen – die auf Regeln und Vorschriften beharren, die sie selbst aufgestellt haben.

Dieses sinnliche Familiendrama ist von A Vida Invisível De Eurídice Gusmão inspiriert, Martha Batalhas Roman, der in Deutschland als Die vielen Talente der Schwestern Gusmão erschienen ist und großen Eindruck auf Karim Aïnouz gemacht hat. „Ich fühlte mich der Geschichte und ihren Figuren sofort sehr nahe. Sie erinnerten mich an meine Mutter, ihre Schwester und eine Menge anderer Frauen aus meiner Familie“, sagt der Regisseur. Sein Drehbuchautor Murilo Hauser fügt der Filmhandlung ein entscheidendes Versatzstück hinzu. Vom eigenen Vater belogen, wissen die Schwestern nicht um den Verbleib der jeweils anderen.

Während Eurídice Guida in Griechenland wähnt, glaubt diese, Eurídice lebe inzwischen in Wien. All die sehnsuchtsvollen, aus dem Off vorgetragenen Briefe, die die zwei einander schreiben, kommen nie an. Eine Geschichte zweier Leben, ganz nah und doch unendlich weit entfernt. Einmal laufen sich Guida und Eurídice über den Weg, aber nicht in die Arme. Ihre Kinder spielen miteinander, ohne ihre Verwandtschaft auch nur zu erahnen. Eine Tragödie griechischen Ausmaßes in einem Melodram, dessen Protagonistinnen auffällige Namen griechischen Ursprungs tragen.

An den Buchtitel angelehnt, heißt der Film im Original „A Vida Invisível“. Aïnouz macht dieses unsichtbare Leben, das nicht nur Eurídice und Guida, sondern so viele Frauen ihrer Generation geführt haben, sichtbar: farbenprächtig und fiebrig, vor Frust und Lebenslust flirrend, von zwei herausragenden Darstellerinnen getragen. Ein Melodram, das inmitten der Natur wie ein (Alb-)Traum beginnt und sich durch Hélène Louvarts schwüle, pulsierende Aufnahmen und Benedikt Schiefers geheimnisvoll klingende Musik bis zuletzt wie ein Trancezustand anfühlt.

Die Sehnsucht der Schwestern Gusmão (2019)

Im Rio de Janeiro der 1940er Jahre wachsen Guida und Euridice Gusmão auf, zwei Frauen, die dazu erzogen wurden, wie viele andere Frauen ihrer Generation unsichtbar zu bleiben.

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Meinungen
Christoph Leucht · 24.11.2019

Sehr sehr bewegender Film mit Bárbara Santos in ihrer ersten großen Filmrolle als wirklich ermutigende Filó.

Kommentare

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