Die Schneiderin der Träume (2018)

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Wie weit darf die Liebe zweier Menschen gehen, die von der indischen Gesellschaft niemals akzeptiert werden würde? Regisseurin Rohena Gera widmet sich in ihrem Liebesmelodram den gesellschaftlichen Konventionen in Indien.

Die Schneiderin der Träume (2018)

Eine Filmkritik von Paul Katzenberger

Wider alle Hemmnisse

In ihrem Spielfilmdebüt „Die Schneiderin der Träume“ präsentiert Rohena Gera Indien als eine Gesellschaft unüberbrückbarer Klassenunterschiede, in der die Würde des Menschen systematisch verletzt wird. Doch die Regisseurin gibt auch der Hoffnung Raum, wenn sie die Geschichte einer Liebe zwischen der sozial unterdrückten Ratna und dem Millionärssohn Ashwin erzählt. Ihr unbeirrbarer Wille und seine weltläufige Aufgeschlossenheit haben eine gegenseitige Anziehungskraft, die stärker ist als gesellschaftliche Konventionen. Das deutet das Liebesmelodram am Schluss allen Widrigkeiten zum Trotz an.

Eigentlich ist das Leben von Ratna (Tillotama Shome) schon vorbei, bevor es richtig angefangen hat. In ein indisches Dorf hineingeboren und sehr jung verheiratet, wurde sie im Alter von 19 Jahren bereits zur Witwe. Ohne Mann an der Seite ist eine Frau in den ländlichen Regionen Indiens in der Regel aber ein Paria und einen neuen Lebensgefährten zu heiraten, ist Witwen aufgrund des strengen Sexualkodexes verwehrt.

Hinzu kommen gnadenlose ökonomische Zwänge: Die Familie des verstorbenen Ehemanns verheimlichte ihr und ihren Angehörigen die schwere Krankheit und den dadurch absehbaren Tod des Erwählten, um an die Mitgift der Braut zu kommen. Der Tradition nach müssten die Schwiegereltern für Ratnas Lebensunterhalt sorgen, doch sie lassen die Zugeheiratete deutlich spüren, dass sie ihnen auf der Tasche liegt. Sie sind daher nur allzu bereit, die Schwiegertochter ziehen zu lassen, als diese vorschlägt, sich eine Stelle als Hausdienerin in der Metropole Mumbai zu suchen.

Die Rolle, die sie dort zu spielen hat, wäre eigentlich geprägt von tiefster Unterwürfigkeit und vorauseilendem Gehorsam, wie die indische Regisseurin Rohena Gera in ihrem Spielfilmdebüt Die Schneiderin der Träume an vielen Stellen deutlich macht. Da halten die Bediensteten die Türen von Luxuslimousinen auf, obwohl deren Eigner nur kurz zum nächsten Kiosk schlendern will, um Zigaretten zu kaufen. Oder die Haushaltshilfe hat das Lammcurry gerade fertig zubereitet, als sie vom Hausherrn erfährt, dass der gar keinen Hunger hat.

Doch Ratna hat Glück. Der alleinlebende Ashwin (Vivek Gomber), den sie zu umsorgen hat, behandelt sie mit Respekt. Im Gegensatz zu Millionen anderer Hausangestellter in Indien wird sie nicht angeherrscht oder tyrannisiert. Sie schläft auch nicht unter der Treppe oder in irgendeiner  Ecke auf einem abgewetzten Bettlaken: Die weiträumige, geschmackvoll eingerichtete Wohnung bietet sogar Platz für ein eigenes bescheidenes Dienstmädchenzimmer, in das sich Ratna nach getaner Arbeit zurückziehen kann.

Und doch besteht zunächst eine tiefe Kluft in der Rangordnung, die in dieser zweiköpfigen Hausgemeinschaft herrscht: Alles dreht sich um Ashwin, den Ratna stets kniefällig mit „Sir“ anspricht und für den sie die Anrufe seiner herablassenden Freunde oder der herrischen Mutter entgegennimmt, die sie bei Besuchen zu bedienen hat. Die Hausgehilfin nimmt insofern Anteil am Leben ihres Dienstherrn, als sie seine alltäglichen Bedürfnisse kennen muss, um sich ihm nützlich erweisen zu können.

Ratnas Belange spielen hingegen keinerlei Rolle, der „Sir“ kennt noch nicht einmal ihre Herkunft und interessiert sich zunächst auch nicht dafür. Denn dem religiös begründeten Kastenwesen Indiens zufolge, ist es sogar unschicklich, Hausangestellte als ebenbürtige Menschen anzusehen.

Dass die Konstellation so nicht bestehen bleibt, ist wenig verwunderlich. Schließlich firmiert Die Schneiderin der Träume als Liebesfilm. Nach und nach entdeckt Ashwin erst den Menschen in Ratna und dann seine Leidenschaft für sie. Die Aufgeschlossenheit, die er dafür braucht, verdankt er einem längeren Auslandsaufenthalt in den USA, von dem er nach wie vor schwärmt. Denn in Amerika konnte er der Schriftstellerei nachgehen, was er als seine eigentliche Berufung empfindet. Zurück in Mumbai arbeitet er nun eher widerwillig in der Firma seines Vaters, der als Bau-Tycoon Millionen scheffelt.

Das ermöglicht dem Sohn zwar ein angenehmes Leben, in dem neben dem dienstbaren Hausmädchen auch der regelmäßige Gang ins Squashcenter oder in die Kneipe seinen Platz findet. Doch die geistige Freiheit, die er in den USA kennengelernt hat, lassen ihn nach und nach die gesellschaftlichen Zwänge in seinem Vaterland hinterfragen.

In seiner Figur finden sich ganz offensichtlich Bezüge zur Weltsicht der Regisseurin Rohena Gera selbst. In der indischen Millionenstadt Pune geboren, besuchte sie die Stanford University und das renommierte Sarah Lawrence College bei New York. Danach fing sie an, Drehbücher zu schreiben und sich schließlich als Filmregisseurin mit ihrem Geburtsland auseinanderzusetzen. In der Doku What’s Love Got to Do with it? befasst sie sich mit dem System arrangierter Heiraten, bei dem in Indien nach wie vor die Eltern bestimmen, wen der Sohn oder die Tochter heiratet, wobei der Ehepartner als Mitglied einer Verwandtschaftsgruppe oder sozialen Schicht mit bestimmten Sozialprestige ausgewählt wird.

In Die Schneiderin der Träume geht es nun um echte Liebe, die in Indien allzu oft nicht sein darf, wenn die soziale Schicht der Partner zu unterschiedlich ist. Als Ashwin merkt, was für eine vielfältige Persönlichkeit seine Hausangestellte tatsächlich ist, die viel mehr Kraft hat als die verwöhnten Gespielinnen, mit denen seine Familie und Kumpels ihn ständig zu verkuppeln versuchen, beginnt er Gefühle für sie zu entwickeln. Es imponiert ihm, dass sich Ratna trotz ihrer Misere einen Traum bewahrt hat: Sie möchte Schneiderin oder vielleicht sogar Modeschöpferin werden und geht neben der Hausarbeit dafür in die Lehre. Die zwei Stunden, die das jeden Tag in Anspruch nimmt, hat ihr der zugeneigte Ashwin genehmigt.

Und so ist es nur eine Frage der Zeit, bis die beiden sich näher kommen. Die Bühne dafür bietet Ashwas Wohnung, in der sich Die Schneiderin der Träume als klassisches Kammerspiel mit einem guten Gespür für den Moment und der treffenden Beschreibung einer tief gespaltenen Klassengesellschaft weitgehend abspielt.

Doch wie weit darf die Hingabe von Liebenden zu einander sein, die als Paar von ihrem Umfeld niemals toleriert werden würde? „Es ist egal, was Sie fühlen oder sagen“, sagt Ratna zum „Sir“, den sie immer noch siezt: „Ich werde immer nur Ihre Bedienstete sein.“ Sie ist es, die aufgrund ihrer Lebenserfahrung den repressiven Charakter der indischen Gesellschaft viel realistischer einschätzen kann als er, der im Beruf vor allem Sohn ist.

Den Vorsprung an Lebensklugheit, den die Figur Ratna im Verhältnis zu ihrem Gegenüber Ashwin vorweisen kann, hat Ratna-Darstellerin Tillotama Shome auch in schauspielerischer Hinsicht gegenüber Vivek Gomber, der den Ashwin spielt. Während Gomber dabei manchmal eine Unbeholfenheit zu eigen ist, die an typische Bollywood-Schauspieler erinnert, verleiht Shome ihrer Ratna eine Tiefe und Eindringlichkeit, durch die gleichzeitig Stärke und Verletzlichkeit zum Ausdruck kommen.

Dass es am Schluss ausgerechnet Ashwin ist, der eine mögliche Lösung seines und Ratnas Liebes-Dilemmas wider alle Hemmnisse aufzeigt, erscheint vor diesem Hintergrund ein bisschen unbefriedigend. Doch es passt zu den Ungerechtigkeiten der indischen Gesellschaft, die dieses Liebesmelodram eindrücklich darlegt.

Die Schneiderin der Träume (2018)

Im modernen Mumbai der gläsernen Hochhäuser arbeitet die junge Witwe Ratna als Dienstmädchen für Ashwin, einen jungen Mann aus wohlhabendem Hause, der scheinbar alles hat, was es für ein komfortables Leben braucht. Ratna wiederum hat vor allem eins: den Willen, sich ein besseres Leben zu erarbeiten und ihren Traum zu verwirklichen, Mode-Designerin zu werden. Als Ashwins sorgfältig arrangierte Bilderbuch-Hochzeit platzt, scheint Ratna die Einzige zu sein, die Ashwins tiefe Melancholie versteht.
 

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