Die Legende von Paul und Paula

Die Legende von Paul und Paula

Eine Filmkritik von Marie Anderson

Obwohl sie an diesem Abend auf einer Tanzveranstaltung im Grunde beide heftig mit anderen Bekanntschaften geflirtet haben, sind es am Ende doch Paula (Angelica Domröse) und Paul (Winfried Glatzeder), die den Rest der Nacht allein miteinander verbringen werden. Und damit beginnt eine ebenso verrückte, mitunter witzige und letztlich doch tragische Liebesgeschichte, die sich einen Teufel um Kategorien wie Kitsch und Kunst schert, sondern ihre Zuschauer mit dem Sog eines ungeheuer menschlichen Charmes in die emotionalen Höhenflüge und Abgründe ihrer Protagonisten zieht.
Paula hat als allein erziehende Mutter zweier Kinder und Verkäuferin in einer Kaufhalle einen harten Alltag, und auch wenn sie in Bezug auf Männer bisher derbe Enttäuschungen zu verpacken hatte, sehnt sie sich immer wieder einmal nach der Nähe und Zuwendung eines ansprechenden Kerls. Paul hingegen ist mit der hübschen, doch kaltschnäuzigen und stumpfen Ines (Heidemarie Wenzel) verheiratet, die ihn zudem noch betrügt, doch aus Rücksicht auf seinen kleinen Sohn und seine Karriere im Staatsdienst hält er tapfer und geradlinig an seiner überstürzt geschlossenen Ehe fest.

Erscheint es auch anfangs so, als ereigne sich zwischen Paul, der um Coolness bemüht ist, und Paula, die ihr überschäumendes Herz auf den Lippen trägt, lediglich eine stürmische Affäre, innerhalb welcher die schwärmerische Geliebte deutlich die unterlegene Position einnimmt, ändert sich diese Konstellation drastisch, als Paulas kleiner Sohn tödlich verunglückt. Hatte sich Paul bereits kürzlich von ihr getrennt, als sie ungebeten eine seiner beruflichen Geselligkeiten aufgesucht hat, eilt er nun zu seiner Paula, um ihr beizustehen und schamlos ihre nunmehr erkaltete Liebe zurückzuerobern – allerdings zunächst vergeblich.

Es ist gleichermaßen komisch wie rührend, diesem liebestollen Mann bei seinen Bemühungen zuzusehen, das Wesen seiner Sehnsüchte zu belagern und ihren Widerstand, sich ihm erneut hinzugeben, mit trotziger Hartnäckigkeit zu brechen. Dabei sind ihm sowohl das Aufsehen in der anteilnehmenden Nachbarschaft als auch Paulas Absichten, sich mit einem älteren Freund zu vermählen, der sie bereits seit Jahren verehrt, völlig gleichgültig. Er geht nicht mehr zur Arbeit, denkt nicht mehr an seine Familie und verwahrlost geradezu, wobei seine Gesichtszüge langsam die Zeichen eines beginnenden Wahnsinns aufweisen …

Mit wunderschönen, ausdrucksstarken und nachhaltig wirkenden Bildern einer kruden Realität sowie einer malerischen Traumwelt hat Regisseur Heiner Carow diesen großartigen Liebesfilm aus dem Jahre 1973 nach dem Drehbuch von Ulrich Plenzdorf inszeniert, der damals in der DDR zunächst gar nicht aufgeführt werden sollte, dann ein begeistertes Millionenpublikum fand und mittlerweile längst anhaltenden Kultstatus erreicht hat. Nachdem Angelica Domröse 1979 und Winfried Glatzeder 1982 in den Westen gezogen waren, wurde der Film allerdings aus ideologisch-moralischen Gründen kaum mehr in den Kinos der DDR gezeigt.

Mit etlichen liebevollen, schrägen kleinen Details und Bezügen ausgestattet und von der Musik der später überaus populären Puhdys flankiert, vermag es diese Romanze nicht zuletzt durch ihre ganz hervorragend aufspielenden Hauptdarsteller auch heute noch, die Herzen der Zuschauer zu erobern. Die Figuren sind albern, feige, stur und nicht selten bis an die Peinlichkeitsgrenze euphorisch, und doch oder gerade deswegen wirken sie so ungemein sympathisch. Wenn Paula vor lauter Verliebtheit ihre Kundschaft aus Versehen im Unterhemd bedient, ist das ein Sinnbild jener Kopflosigkeit, die nur versteht, wer sie schon einmal erlebt hat.

Die Legende von Paul und Paula – das ist romantische Liebe pur inmitten einer widrigen Alltagswelt und ein flammendes Plädoyer gegen das Verdrängen substanzieller Empfindungen und einer ebensolchen Anziehungskraft. Hier geht es um den Mut, zu träumen und sich gesellschaftlichen Zwängen zu widersetzen, den Mut, alles zu wagen und sich lächerlich zu machen, sowie um den Mut zum Kitsch, und zwar auf der inhaltlichen wie auf der formalen Ebene. Das ist großes Kino über das Schicksal der kleinen Leute, die sich vor lauter Liebe über ihre Grenzen erheben und dadurch ihr Leben vor dem Gestank einer ranzigen Gewöhnlichkeit bewahren.

Die Legende von Paul und Paula

Obwohl sie an diesem Abend auf einer Tanzveranstaltung im Grunde beide heftig mit anderen Bekanntschaften geflirtet haben, sind es am Ende doch Paula (Angelica Domröse) und Paul (Winfried Glatzeder), die den Rest der Nacht allein miteinander verbringen werden. Und damit beginnt eine ebenso verrückte, mitunter witzige und letztlich doch tragische Liebesgeschichte, die sich einen Teufel um Kategorien wie Kitsch und Kunst schert, sondern ihre Zuschauer mit dem Sog eines ungeheuer menschlichen Charmes in die emotionalen Höhenflüge und Abgründe ihrer Protagonisten zieht.
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