Die langen hellen Tage

Die langen hellen Tage

Eine Filmkritik von Gregor Torinus

Coming of Age im Trümmerfeld

Unmittelbar nach dem Zusammenbruch des Ostblocks erschien es zumindest im Westen so, als müssten die Menschen jenseits des einstigen Eisernen Vorhangs jetzt einfach nur noch glücklich sein, da sie endlich in Freiheit leben durften. Aber wie aktuell die Ukraine-Krise zeigt, hat sich der Frieden noch lange nicht überall wirklich etabliert. Woanders mag der Krieg zwar vorbei sein, aber zugleich haben jahrelange Kämpfe ein gesellschaftliches Trümmerfeld hinterlassen, dessen unheilvolle Früchte zum Teil erst in der nächsten Generation sichtbar werden. So zeigte vor kurzem das Drama Djeca – Kinder von Sarajevo, wie stark traumatisiert viele junge Heranwachsende im einstigen Kriegsgebiet auch noch heute sind. Jetzt erzählt die Coming-of-Age-Geschichte Die langen hellen Tage das Leben zweier Teenager im postsowjetischen Georgien.
1992 in Tiflis. Das Land ist tief in einen Bürgerkrieg versunken. Die Gesellschaft ist nach wie vor streng patriarchalisch. Es ist eine Welt voller Härte und Strenge und jederzeit ausbruchsbereiter latenter Gewalt. In diesem harschen Umfeld leben die Freundinnen Eka (Lika Babluani) und Natia (Mariam Bokeria). Die beiden 14-jährigen Mädchen sind normale Teenager, die spüren, dass ihre Kindheit zu Ende geht. Sie rebellieren gegen ihre Eltern und gegen ihre Lehrer. Sie rauchen und singen heimlich schlüpfrige Lieder. Zugleich sind sie wie die meisten Menschen sehr arm. Beim Schlangestehen bei der Brotausgabe beim Bäcker kommt es regelmäßig zu heftigen Aggressionsausbrüchen. Zudem sitzt Ekas Vater im Gefängnis und ist Natias ein Alkoholiker. Als der sie verehrende Lado (Data Zakareishvili) Natia zur Selbstverteidigung eine Pistole schenkt, ist sie ganz gerührt. Aber auch Kote (Zurab Gogaladze) hat bereits ein Auge auf die schöne Natia geworfen…

Die langen hellen Tage ist der erste Spielfilm, bei dem der Deutsche Simon Groß und die Georgierin Nana Ekvtimishvili gemeinsam das Drehbuch verfasst und Regie geführt haben. Die beiden haben sich in Berlin kennengelernt und sind anschließend nach Tiflis, in Nanas Heimat, gezogen und haben dort eine Eisdiele aufgemacht. Inzwischen sind sie stolze Besitzer eines kleinen Eisdielenimperiums, das vier Filialen und 70 Mitarbeiter umfasst. Daneben verfolgen sie Filmprojekte und Nana hat gerade einen neuen Roman vollendet. Diese Mischung aus einer großen Bodenständigkeit und einer ebensolchen Neugierde auf das Neue sind Qualitäten, die Die langen hellen Tage auszeichnen. Der Film verbindet eine große Realitätsnähe und Unmittelbarkeit mit einer poetischen Atmosphäre und zeigt, dass selbst inmitten von Armut und Schmutz wahre Schönheit und Menschlichkeit gedeihen können.

Die langen hellen Tage beginnt mit einem fast dokumentarischen Gestus, der vermuten lässt, dass dies vorrangig ein sozialkritischer Film ist. Es wird Natias Familienleben gezeigt. Die Mutter ist wütend, weil der Vater wieder mal betrunken bei Tisch sitzt. Es kommt zu einer heftigen Auseinandersetzung der beiden, bei dem ein großer Glaskrug voller Wein zu Bruch geht. Die Oma ist verärgert über das Verhalten „der beiden Verrückten“ und über den Verlust des guten Weines, während Natia nur genervt ist, dass man bei ihr zuhause nicht einmal normal essen kann. In dieser kurzen Szene verbinden sich bereits der scharfe Blick für die herrschende soziale Realität mit der Liebe zur Schilderung prägnanter Details mit einem wohlwollenden humanen Blick. Letzterer erinnert an John Cassavetes (Mord an einem chinesischen Buchmacher, 1976), der die Menschen sehr gut in ihrer Fehlerhaftigkeit bestehen lassen konnte, solange sie sich einfach ehrlich als die Menschen zeigten, die sie wirklich waren.

So verblüfft in Die langen hellen Tage der Gegensatz zwischen erzkonservativen Moralvorstellungen und gesellschaftlichen Strukturen und der absoluten Hemmungslosigkeit, mit der hier jeder, vom kleinen Kind bis zur Großmutter, aus ganzem Herzen pöbelt und mit heftigsten Kraftausdrücken um sich schmeißt. Immer wieder offenbart sich der äußerst zärtliche Blick der Filmemacher auf ihre Protagonisten, die nicht in gut und schlecht, aber sehr wohl in mehr oder weniger sympathisch unterteilt werden. Insbesondere erzählt der Film von dem Ringen einer jungen Generation werdender Frauen um ein freies Leben der Selbstverwirklichung inmitten einer Gesellschaft, in der die alten Normen und Werte einengend und überkommen erscheinen, aber noch keine wirkliche Alternative in Sicht ist.

Eka und Natia sind letzten Endes ganz auf sich selbst zurückgeworfen. Ihr persönlicher Emanzipationsprozess ist ein viel schwieriger, als der in einer Gesellschaft, in der die verschiedensten Lebensmodelle weitestgehend gleichberechtigt nebeneinander stehen. Die beiden Freundinnen machen auch Fehler, aber trotzdem glauben die Filmemacher an sie. Die langen hellen Tage ist ein wunderschöner Film, der einen bestens unterhält, wirklich berührt und auf eine realistische Weise Hoffnung verbreitet.

Die langen hellen Tage

Unmittelbar nach dem Zusammenbruch des Ostblocks erschien es zumindest im Westen so, als müssten die Menschen jenseits des einstigen Eisernen Vorhangs jetzt einfach nur noch glücklich sein, da sie endlich in Freiheit leben durften. Aber wie aktuell die Ukraine-Krise zeigt, hat sich der Frieden noch lange nicht überall wirklich etabliert. Woanders mag der Krieg zwar vorbei sein, aber zugleich haben jahrelange Kämpfe ein gesellschaftliches Trümmerfeld hinterlassen, dessen unheilvolle Früchte zum Teil erst in der nächsten Generation sichtbar werden.
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