Die Kunst zu gewinnen - Moneyball

Die Kunst zu gewinnen - Moneyball

Eine Filmkritik von Tomasz Kurianowicz

Sport nach Zahlen

Kann es im Sport Erfolg geben ohne Geld? Kann ein Team allein durch Taktik, durch Strategie und Feingefühl gewinnen, durch Intuition? In dem Film Die Kunst zu gewinnen – Moneyball geht es genau um diese Frage. Es geht um den Underdog Billy Beane (Brad Bitt), der "General Manager" eines erfolglosen Baseballteams ist. Die Oakland A’s, so beginnt diese brillante Studie über das Durchhaltevermögen eines vom Sieg besessenen Kämpfers, verlieren das letzte Spiel der Saison gegen die New York Yankees, die sich durchsetzen können, weil sie über mehr Geld und deshalb über die besseren Spieler verfügen. Die A’s sind 39.722.689 Dollar wert, während die Yankees das Dreifache, nämlich exakt 114.457.768 Dollar auf die Geldwaage bringen. Wie lässt sich also das Rad bei einem Spiel neu erfinden, das per se auf unfairen Startbedingungen beruht?
Der Yale-Absolvent Peter Brand (Jonah Hill) würde sagen: durch Zahlen. Als der dickbäuchige Ökonom auf den wütenden "General Manager" Billy Beane trifft, steht er noch auf der Feindesseite und vermasselt ihm ein Geschäft, weil er sich weigert, einen minderwertigen Spieler zu verkaufen. Der Ökonom ist der Meinung, dass wahnsinnige Summen für überbewertete Sportler ausgegeben werden, während genauso gute Spieler in zweitklassigen Teams auf der Bank hocken. Die Transferpreise würden auf Gerüchten, Hoffnungen, auf dem magischen Fundament einer kollektiv geteilten Intuition basieren, nicht auf rationalen Fakten. Dieser kritische Standpunkt überzeugt Billy Beane. Der Manager hat kein Geld, will aber gewinnen, deshalb lässt er sich vom revolutionären Geist des Ökonomen mitreißen: Peter schlägt vor, eine billige Siegermannschaft mit einem Computerprogramm zu errechnen, das sich beim Einkauf allein auf die Stärken der Sportler konzentriert. Man müsse die Spieler nur an die richtige Stelle setzen – und schon ließen sich Defizite und Schwächen vermeiden.

Das ist der Beginn einer ungewöhnlichen Partnerschaft. Das Problem ist nur, dass altkluge Herren über das Baseball-Geschäft wachen. Das bekommt Billy bei einer Besprechung mit seinen grauhaarigen Beratern zu spüren: Wenn ein Spieler eine unattraktive Frau hat, heißt es, dass er kein Selbstbewusstsein besitze. Wenn ein Sportler ein ausschweifendes Privatleben führt, dann wird seine Disziplin in Frage gestellt. Und schon fallen herausragende Spieler aus dem Raster der Scouts. Der Film Die Kunst zu gewinnen – Moneyball ist also eine Parabel auf den Innovationskapitalismus, die zeigt, wie sich eine neue, unbekannte, am Anfang als verschroben geltende Idee langsam und beständig durchzusetzen beginnt, trotz allgegenwärtiger Skepsis. Billy kauft für wenig Geld eine Mannschaft, die, richtig eingesetzt, zu einem Topteam mutiert, obwohl anfangs alle Beobachter ein großes Desaster erwarten.

Verkörpert wird der Manager von Brad Pitt, mustergültig und geradezu formidabel gespielt. Als junger Baseballspieler selbst noch Hoffnungsträger der ganzen Familie, hat er sich ins Management-Geschäft zurückgezogen, um sein sportliches Scheitern zu verarbeiten. Ihm hängt ein Trauma nach: In der High-School machte man ihm die Hoffnung, dass er als großer Sportler Karriere machen würde – doch die Vorsehung traf einfach nicht ein. Insofern ist Die Kunst zu gewinnen – Moneyball kein Film über Sport – Baseball dient wie immer in diesem Genre nur als Metapher - sondern ein Film über das Aufbäumen, über das Sich-Neu-Erfinden einer Kämpfernatur.

Und tatsächlich: nach einer ersten Durststrecke feiert das Team Erfolge. Doch macht das Billy Beane zu einem glücklicheren Menschen? Mitnichten. Das ist der entscheidende Punkt: Während Billy und Peter mit ihrer computerbasierten Strategie die Regeln des Baseballs völlig auf den Kopf stellen, vertraut der Manager weiterhin auf die Kraft intuitiver Binsenweisheiten. Er bleibt den Spielen fern, weil er glaubt, seine Anwesenheit könnte Unglück bringen. Er sucht die Nähe zu seiner im anderen Teil des Landes lebenden Tochter, um emotionale Ruhe zu finden. Am Ende zeigt sich sogar, dass für ihn die Zahlen auf einem Scheck weniger wert sind als ein stabiles und ausgefülltes Privatleben. Widerspricht das nicht der rationalen Logik des Sportgeschäfts? Und was ist mit den Algorithmen? Haben sie nicht immer Recht?

Einerseits stimmt es: die mathematische Revolution macht den Baseballsport fairer, weil jene Spieler eine Chance bekommen, die vorher aufgrund kleiner Mängel auf der Bank saßen. Doch dem Spiel Sinn zu verleihen – das können auch die klügsten Algorithmen nicht. Billy revolutioniert den Baseball und vollführt damit eine Trendwende zum Professionalismus hin; aber die Ängste und Widersprüche seines Lebens haben weiterhin Bestand. Deswegen ist es geradezu rührend, als in einem stillen Moment des Films ausgerechnet Billys Tochter mit ihrer glasklaren Stimme das Dilemma dieser rastlosen Existenz in ein paar kurzen Songzeilen zu kondensieren vermag: "I'm so scared / but I don't show it / I can't figure it out / it's bringing me down / I know, I've got to let it go / and just enjoy the show."

Das ist die Ironie, die Aaron Sorkin, Macher des Filmes The Social Network, gemeinsam mit dem Drehbuchautor Steven Zaillian dem Film injiziert hat: ähnlich wie bei Marc Zuckerberg produziert ein Algorithmus Gewinnertypen, die realisieren müssen, dass sich das wahre Leben weder vor dem Computer, noch im Stadion abspielt, sondern in jenen traurigen und paradoxen Sekunden der Welt, die wir analoge Wirklichkeit nennen. Diese Pointe ist die Stärke dieses Films – und natürlich die fabelhafte Besetzung. In der Rolle als getriebener Manager ist Brad Pitt eine Oscarkandidatur so gut wie sicher. Jonah Hill wiederum, bekannt als verklemmtes Muttersöhnchen aus Cyrus, verhält sich so erschreckend devot, dass man von seinen verunsicherten Augen geradezu süchtig wird. Ähnlich wie von Phillip Seymour Hoffmann, der den lustlosen Trainer der Oakland A’s mit so viel Distanz, Frechheit und Frustration verkörpert, dass es Spaß macht.

Die Kunst zu gewinnen – Moneyball ist - um es kurz zu sagen - ein magischer, ein großer, ein wichtiger und vor allem ein überaus menschlicher Film. Dass er auf einer wahren Geschichte basiert, lässt den Kinobesuch nur noch zwingender erscheinen.

Die Kunst zu gewinnen - Moneyball

Kann es im Sport Erfolg geben ohne Geld? Kann ein Team allein durch Taktik, durch Strategie und Feingefühl gewinnen, durch Intuition? In dem Film "Die Kunst zu gewinnen – Moneyball" geht es genau um diese Frage. Es geht um den Underdog Billy Beane (Brad Bitt), der "General Manager" eines erfolglosen Baseballteams ist.
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Meinungen
onkelmu · 12.01.2012

Ein echt toller Film. Sollte man sich anschauen.

Kommentare

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