Die koreanische Hochzeitstruhe

Die koreanische Hochzeitstruhe

Eine Filmkritik von Red.

Vermählungsriten in Fernost

Nachdem Südkorea dank Filmemachern wie Kim Ki-Duk und Park Chan-Wook als Filmnation zunehmend auch in Europa wahrgenommen wird, häufen sich in den letzten Jahren ebenso Filme, die ungewöhnliche dokumentarische Einblicke in das Alltagsleben des Landes gewähren. Noch bevor Sung-Hyung Chos Endstation der Sehnsüchte das Verhältnis von Deutschen und Südkoreanern in einer Siedlung für Ehepaare aus beiden Ländern erkundet, bietet die Filmemacherin Ulrike Ottinger in ihrem Film Die koreanische Hochzeitstruhe faszinierende Einblicke in Vermählungszeremonien aus Fernost.
Es beginnt mit einem schamanistischen Ritual, in dem der Schutz der Götter für die Eheleute beschworen und die bösen Geister vertrieben werden sollen. In weiteren Episoden erkundet der Film die vielfältigen und komplizierten Schritte, die anscheinend zu einer koreanischen Hochzeit dazugehören: Das Anbringen von farbigen Zetteln am Tempel der Wunscherfüllung, die Besiegelung des Hochzeitsversprechens mittels eines Vorhängeschlosses an einem Zaun bei den Seoul Towers oberhalb der südkoreanischen Hauptstadt. Im Zentrum des Films aber steht die Titel gebende Hochzeitstruhe. In diese massive Holzkiste werden neben dem offiziellen Heiratsantrag und der Geburtsurkunde des Bräutigams verschiedene Beutelchen mit Körnern und Reis gepackt, dann mit einer Schnur verbunden und vom Bräutigam ohne abzusetzen zu den Brauteltern getragen. Damit ist der Weg zum Bund fürs Leben aber noch lange nicht zu Ende. Und oftmals hat es den Anschein, als sei die Eheschließung in Korea noch ein viel gewaltigeres Unternehmen, als es das hierzulande ist. Wobei vor allem auffällt, wie großen Wert die Koreaner auf die Perfektion der Illusion legen – für die obligatorischen und mit großem Pomp ausgeführten Hochzeitsbilder wird bis in letzter Sekunde Hand gelegt, genäht, abgesteckt, verändert und improvisiert. Ob dieser nervenaufreibende Stress für alle Beteiligten tatsächlich „der schönste Tag im Leben“ wird, muss man anhand des ungeheuren Aufwandes, der hier betrieben wird, ernsthaft bezweifeln. Obwohl es erstaunt, wie sehr bei aller Ernsthaftigkeit bei den Vorbereitungen und Zeremonien auch über sich selbst gelacht wird.

Schamanistische Rituale und Lohengriens Brautlied, westliche Elemente wie die Brautkleidung und überlieferte Traditionen wie die Hochzeitstruhe: Wenn in Südkorea geheiratet wird, dann vermischen sich unterschiedliche Einflüsse aus verschiedenen Kulturen und ergeben zusammen ein ebenso buntes und vewirrendes wie vertrautes Bild – zumindest für Besucher, die aus dem Westen kommen. Ulrike Ottingers Film lässt keinen Zweifel daran aufkommen, dass sie eine Fremde in Südlkorea ist und dem Land und seinen Menschen mit einem Blick begegnet, wie man ihn sonst von Ethnographen kennt. Doch die Neugier und unverhohlene Sympathie, mit der sie den Brautpaaren im Besonderen und der südkoreanischen Gesellschaft im Allgemeinen begegnet, sowie ihr Blick für scheinbare Nebensächlichkeiten machen den Reiz dieses Films aus, der einen immer wieder staunen lässt. Vor allem auch deshalb, weil sich hinter der Beobachtung der Hochzeitsrituale bald ein ganz anderer Gedanke breitmacht.

Denn wenn man am Schluss die Bilder von Hochzeiten aus dem 19. Jahrhundert sieht, erfährt man so ganz nebenbei, wie wenig sich an den Sitten und Gebräuchen in Korea geändert hat. Und doch zeigt gerade dieses Relikt aus vergangenen Zeiten auch, wie sich die südkoreanische Gesellschaft in ihrem Spagat zwischen Tradition und Moderne neu definiert, wie Altes und Neues zusammenwachsen und die Menschen prägen. Bei aller Dynamik und Rasanz, mit der sich die Welt um uns herum verändert, ist es gut zu wissen, dass manche Dinge Bestand haben. Auf vieles andere, was wir seit Jahrzehnten und Jahrhunderten mit uns herumschleppen, würden wir hingegen liebend gern verzichten.

Die koreanische Hochzeitstruhe

Nachdem Südkorea dank Filmemachern wie Kim Ki-Duk und Park Chan-Wook als Filmnation zunehmend auch in Europa wahrgenommen wird, häufen sich in den letzten Jahren ebenso Filme, die ungewöhnliche dokumentarische Einblicke in das Alltagsleben des Landes gewähren.
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