Die kleine Meerjungfrau (Ballett von John Neumeier)

Die kleine Meerjungfrau (Ballett von John Neumeier)

Eine Filmkritik von Marie Anderson

Nachhaltige Inspirationen bei den unterschiedlichsten Künstlern hat es ausgelöst, unzählige Kinder- und sonstige Köpfe beschäftigt sowie zahlreiche mehr oder weniger gelungene Varianten hervorgebracht: Das berühmte Märchen Die kleine Meerjungfrau / Den lille Havfrue des dänischen Schriftstellers Hans Christian Andersen aus dem Jahre 1837, das auf der mythologischen Figur der Undine fußt. Dieses gleichermaßen klassischen wie tragischen Stoffes hat sich auch der US-amerikanische Tänzer, Choreograph und Ballettdirektor John Neumeier angenommen, der das Ballett 2007 für das Ensemble seines Hamburg Balletts überarbeitete, nachdem es ursprünglich 2005 zum 200. Geburtstag von Hans Christian Andersen vom Königlich Dänischen Ballett in Kopenhagen erstmals aufgeführt wurde. Die Interpretation John Neumeiers feiert nun am 16. November ihre Kinopremiere im Hamburger Passage Kino in Anwesenheit des Choreographen und erscheint beinahe zeitgleich auch auf DVD und Blu-ray Disc, wobei es sich bei dem Ballettfilm Die kleine Meerjungfrau um eine Aufführung des San Francisco Balletts im War Memorial Opera House handelt – und zwar um eine, die in höchstem Maße sehenswert ist.
Vor schlichten, nichtsdestotrotz markanten und atmosphärisch tragenden Kulissen ereignet sich die Geschichte der kleinen Seejungfrau (Yuan Yuan Tan), die sich in einen menschlichen Prinzen (Tiit Helimets) verliebt, den sie aus den Wogen des Meeres rettet, als er von einem Schiff mit einer Fest-Gesellschaft ins Wasser stürzt. Fortan ist es ihr dringendster Gedanke, als Wesen mit Beinen in seiner Welt über Wasser zu leben, um ihm nahe zu sein, und so bittet sie die Meereshexe – hier als Mann grandios von Davit Karapetyan verkörpert – unter Verzicht auf ihre Stimme, sie in einen Menschen zu verwandeln, und findet sich bald darauf an Bord des Schiffes wieder. Doch der ahnungslose Prinz wendet sich der hübschen Prinzessin (Sarah van Patten) zu, die er irrtümlicherweise für seine Retterin hält, und die kleine Nixe versinkt in das Dilemma, den Prinzen töten zu müssen, um sich selbst zu erlösen …

Prächtig und von ansprechender Farbästhetik erscheinen die Köstüme der Tänzerinnen und Tänzer, die ebenso wie die Bühnenbilder und die Beleuchtung den Ideen von John Neumeier entstammen. Hier wird maritimes Flair mit harmonisch abgestimmter Abendgarderobe kombiniert, und auch die Verwandlungen der kleinen Meerjungfrau werden durch ihre Kleider betont, die sich überaus stimmig und signifikant in die Dramaturgie einfügen. Diese harmonischen, ausdrucksstarken Details begleiten die gesamte Choreographie, die das unsagbar grandiose Ensemble mit einer geradezu überirdischen Leichtigkeit präsentiert. John Neumeier gestattet seinen Protagonisten ein äußerst differenziertes, großzügiges Repertoire an mimischen Elementen, so dass dem Ballett über weite Strecken ein ausgeprägtes schauspielerisches Gebaren anhaftet, das gar mitunter durch an Clownerie und Slapstick erinnernde Sequenzen ergänzt wird.

Ungeheuer dicht und beeindruckend gestaltet sich auch die dialogische Dimension dieses modernen, oftmals unkonventionellen Balletts, das seine Darsteller auf ganz unterschiedliche Formen miteinander in Kommunikation treten lässt, wobei die tänzerische dabei eine Intensität gewinnt, durch welche die Dynamik und Tragik des Stoffes auf innovative Weise transportiert wird. Die Beziehungen der enorm vielfältig gestalteten Charaktere untereinander werden derart detailliert dargestellt, dass Nähe, Distanzen und Deplatziertheit durch filigrane wie derbe Bewegungen unmittelbar und zutiefst berührend belebt werden.

John Neumeier hat der Geschichte die Figur eines würdig mit Zylinder auftretenden Poeten (Lloyd Riggins) beigesellt, der das Geschehen als angedachtes Alter Ego von Hans Christian Andersen vorantreibt und kommentiert, zuvorderst aber die kleine Meerjungfrau wohlwollend begleitet, die so in ihren Verzweiflungen nicht immer allein ist. Auch wenn die Solo-Tänzer ebenso wie jene in Gruppen auftretenden allesamt eine ganz hervorragende Performance zelebrieren, sind es neben der überwältigend zauberhaft wie präzise tanzenden Yuan Yuan Tan vor allem Lloyd Riggins als empathischer Dichter und Davit Karapetyan als dämonisch anmutende Meerhexe, die hier mit vordergründiger Lässigkeit brillieren und ihr Publikum in ihren unausweichlichen Bann fesseln. Die kleine Meerjungfrau mit der emotional effektvollen und ganz wunderbar berührenden Musik der jungen russischen Komponistin Lera Auerbach bietet nicht nur für Kenner des Genres ein entzückendes Erlebnis. Das ist modernes, ausdrucksstarkes Ballett auf höchstem Niveau, dessen Sichtung sich auch auf der Kinoleinwand lohnt und dessen faszinierende Facetten sich kaum beim einmaligen Anschauen fassen lassen.

Die kleine Meerjungfrau (Ballett von John Neumeier)

Nachhaltige Inspirationen bei den unterschiedlichsten Künstlern hat es ausgelöst, unzählige Kinder- und sonstige Köpfe beschäftigt sowie zahlreiche mehr oder weniger gelungene Varianten hervorgebracht: Das berühmte Märchen „Die kleine Meerjungfrau“ / „Den lille Havfrue“ des dänischen Schriftstellers Hans Christian Andersen aus dem Jahre 1837, das auf der mythologischen Figur der Undine fußt.
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Meinungen
Olga Cerveny · 24.02.2012

Ein Ballett auf dem höchsten Niveau!

Kommentare

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