Die Kinder der Toten (2019)

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Elfriede Jelineks „Die Kinder der Toten“ als Super8-Trashfilm mit deutlichen Bezügen auf Henk Harveys „Carnival of Souls“.

Die Kinder der Toten (2019)

Eine Filmkritik von Joachim Kurz

Karneval der steirischen Seelen

„O du mein Österreich“ — man kann dieses Motto nach dem Lied von Franz von Suppé ja durchaus doppeldeutig verstehen. Als sehnsuchtsvollen Andachtsjodler, wie ursprünglich intendiert oder als Stoßseufzer über die wohl unausrottbaren Determinanten der österreichischen Wesensart: Katholizismus, dumpfe Fremdenfeindlichkeit und den festen Willen, aus den verheerenden Fehlern der Vergangenheit nichts zu lernen.

Thomas Bernhard hat darüber ebenso viel geklagt und dagegen angeschrieben wie die aus der Steiermark stammende Literaturnobelpreisträgerin Elfriede Jelinek. Deren literarisches Opus Magnum Die Kinder der Toten aus dem Jahre 1995 ist ein Text, der bisher eigentlich als unverfilmbar galt. In der schonungslosen Abrechnung geht es um die österreichische Vergangenheit und die nie stattgefundene Wiederaufarbeitung des Nationalsozialismus, die sich bis heute aus dem Opfermythos spiest, demzufolge Österreich das erste Opfer der nationalsozialistischen Aggression gewesen sei. Wer freilich die Geschichte von Österreichs Weg in den Faschismus kennt, weiß, wie falsch dieser Mythos ist, der sich dennoch bis heute hartnäckig hält und der eine Koalition aus ÖVP und rechtspopulistischer FPÖ in die Regierungsverantwortung gespült hat.

Dies alles bildet den Hintergrund, die zeitgenössische Grundierung gewissermaßen für Kelly Coopers und Pavol Liskas Annäherung an Jelineks Textungetüm. Man sollte diese Adaption nicht als Literaturverfilmung verstehen, sondern vielmehr als sehr freie Bearbeitung, die Motive des Textes aufnimmt und weiterspinnt. Herausgekommen ist dabei ein wildes Ding, eine Mischung aus Orgien-Mysterien-Spiel, großer Trash-Oper und Schlingensiefs Das deutsche Kettensägenmassaker.

Im Zentrum des Films steht die Pension Alpenrose in der Steiermark, die eine Ansammlung von Karikaturen beherbergt, die den großen österreichischen Karikaturisten Manfred Deix vor Neid erblassen lassen würde: Dumpfheit und ins Mythologische überhöhte Bergseligkeit, offene Fremdenfeindlichkeit und verquerer Nationalstolz, Fresssucht, Alkoholismus und Katholizismus sind die Ingredienzien, aus denen Cooper und Liska ihr satanisches Gebräu angerührt haben. Hinzu kommen ein Bus voller Holländer (als solche erkennbar an schief aufgesetzten Perücken von aggressiver Blondheit, jede Menge Kühe, untote Nazis, todessehnsüchtige Jäger und die Witwe eines Ex-Nazi-Fabrikanten, deren Gelände als Versammlungsort für eine streng geheime Kino-Séance dient, in der die Geister der Vergangenheit und der verblichenen großen Österreicher heraufbeschworen werden.

Gefilmt ist das auf Super8-Material und weitgehend stumm, was in diesem Fall vor allem bedeutet, dass keine Dialoge, gleichwohl aber jede Menge bedrohlicher Geräusche zu hören sind. Texttafeln illustrieren die vogelwilde Handlung, deren überdrehte Pirouetten eigentlich kaum von Belang sind, weil es hier um etwas ganz Anderes geht. Um ein Zerr- oder viel eher Vexierbild österreichischer Befindlichkeiten in einer Zeit, in der sich die Realität längst anschickt, die Satire rechts wie links zu überholen.

Insofern ist Die Kinder der Toten erst in zweiter Linie ein Film. Denn zu allererst ist er ein Statement, ein greller Akt der Rebellion, der auf jegliche Ästhetik und Konventionalität scheißt. Schade nur, dass dieses wilde Pamphlet nicht von österreichischen Filmemachern, gleichwohl aber mit reger einheimischer Beteiligung realisiert wurde.

Dennoch ist Die Kinder der Toten ein deutliches Signal dafür, dass weder die Querköpfigkeit der Steirer noch die Widerstandskraft eines großen Teils der Filmindustrie gebrochen sind, wie Aktionen wie #KlappeAuf eindrucksvoll belegen. Diesen Kampf gilt es zu unterstützen.

Die Kinder der Toten (2019)

Elfriede Jelineks monumentaler, nach ihrer eigenen Aussage wichtigster Roman, „Die Kinder der Toten“ als Vorlage für eine freie filmische Adaption an den Originalschauplätzen rund um die Kindheitsorte der Nobelpreisträgerin. Ein SUPER 8-Ferienfilm aus der Obersteiermark verwandelt sich schleichend in eine Auferstehung ,untoter‘ Gespenster. Die Frage nach der (Un-)Möglichkeit einer adäquaten Aufarbeitung aufgehäufter Schuld durchzieht all jene Terrains - Natur, Kultur, Gesellschaft, Geschichte -, die in der Gegenwart immer noch nationale Identität stiften. „Unser Geschmack heißt Österreich!“ (Quelle: Ulrich Seidl Filmproduktion / Stadtkino Wien Filmverleih)

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