Die History Boys – Fürs Leben lernen

Die History Boys – Fürs Leben lernen

Eine Filmkritik von Joachim Kurz

Non scholae, sed vitae…

Im Norden Englands, einem Landstrich, der von der Industrie geprägt ist, besteht Anfang der Achtziger wenig Hoffnung, aus dem Arbeitermilieu herauszukommen und die soziale Leiter nach oben erklimmen zu können. Der Thatcherismus hat die nominelle Chancengleichheit des Bildungssystems in England endgültig ad absurdum geführt. An einer Schule in York sind es acht Schüler, die den Sprung nach Oxford oder Cambridge, also an einer der Elite-Universitäten des Landes schaffen können, und die Schulleitung ist wild entschlossen, möglichst viele ihrer Zöglinge dort unterzubringen. Damit der prestigeträchtige Coup gelingt, stellt der Direktor der Lehranstalt (Clive Merrison) sogar einen neuen Lehrer ein, den jungen Irwin (Stephen Campbell Moore), der seinem Kollegen Hector (Richard Griffiths) unter die Arme greifen soll. Allerdings sind die beiden Pädagogen ziemlich unterschiedlich und damit Konflikte quasi vorprogrammiert. Während der smarte Jungpauker, selbst ein Oxford-Absolvent, vor allem die möglichst effektive Zielerreichung im Auge hat, zielt der ebenso beleibte wie beliebte Hector eher auf Herzensbildung und Kunstsinnigkeit seiner Schützlinge ab, und hat dabei alle Hände voll zu tun, seine eigenen Gefühle aus dem Spiel zu lassen. Denn der Lehrer ist schwul und berührt seine Schüler auch mal gerne, ist also keineswegs ein Heiliger, sondern ein Mensch mit Ecken, Kanten und Fehlern. Nicht nur deswegen entbrennt ein Kampf der pädagogischen Systeme, der an der Schule für einige Turbulenzen sorgt. Derweil sind die Schüler – die eigentlichen Hauptpersonen – mit ganz anderen Problemen beschäftigt, die die Schule immer wieder zur Nebensache werden lassen – Probleme zuhause, die erste Liebe und die Nöte des Erwachsenwerdens sind es, die sie umtreiben.
Mitunter merkt man Nicholas Hynters Film Die History Boys – Fürs Leben lernen / The History Boys die Abstammung von der Bühne deutlich an, immerhin basiert der Film auf einem höchst erfolgreichen Musical, das am Londoner National Theatre aufgeführt wurde und dort große Erfolge feiern konnte. So übt sich der Film in einer beinahe bühnenhaft anmutenden Beschränkung auf wenige Handlungsorte und wagt nur selten den Blick auf die sozialen Verhältnisse der Schüler und das Leben in den Achtzigern unter Margaret Thatcher. Doch diesem Manko steht einiges auf der Habenseite gegenüber: Zunächst einmal sind dies vor allem wundervolle, geschliffene Dialoge voller Anspielungen auf Literatur und Philosophie, die ein ums andere Mal ein Lächelns ins Gesicht zaubern. Außerdem ist Richard Griffiths ein wirklich wunderbarer Hector und stellt unter Beweis, dass es für ältere Mimen seines Schlages leider viel zu wenig gute Rollen gibt. Und ganz nebenbei bietet Die History Boys – Fürs Leben lernen / The History Boys trotz der Verortung im England der achtziger Jahre einen pointierten Beitrag zur PISA-Diskussion und regt dazu an, Schule und Bildung nicht nur unter den Gesichtspunkten der Ökonomie und der Effizienz zu sehen, sondern auch die Verantwortung zu begreifen, die auf einem Lehrer lastet, der aus seinen Schüler Menschen formen will. Denn Schule muss auch Spaß machen – und sei es nur für 112 Minuten im Kino Ihres Vertrauens.

Die History Boys – Fürs Leben lernen

Im Norden Englands, einem Landstrich, der von der Industrie geprägt ist, besteht Anfang der Achtziger wenig Hoffnung, aus dem Arbeitermilieu herauszukommen und die soziale Leiter nach oben erklimmen zu können.
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Meinungen
Chrissi · 22.03.2008

Der Film ist im Original klasse, auf Deutsch kann er ja nur ein Desaster sein.
Das Original war übrigens KEIN Musical sondern ein Theaterstück - oder ist jetzt alles in dem ein paar mal gesungen wird gleich ein Musical?
Ich habe zumindest meist nur Posner singen hören da dies eine seiner Leidenschaften ist.
Die Buchvorlage ist auch als "Play" geschrieben worden.
Aber gut, in Deutschland funktioniert die Welt halt immer anders....

Oliver Sass · 18.05.2007

Die Umsetzung vom Musical ist in meinen Augen misslungen. Viele Gags, die auf der Bühne funktionieren (Französischunterricht) krepieren auf der Leinwand. Es entsteht eine unangenehme Spannung, weil die lahme filmische Umsetzung und die unstetig voranstolpernde Handlung mit den geistreichen Dialogen auf unangenehme Weise nicht Schritt halten können. -Die homoerotischen Neigungen praktisch aller männlicher Figuren fallen einem bald auf die Nerven. -Die Figuren kommen außerdem, gemessen an ihren klugen Zitaten, auf unglaubwürdig dumpfe Gedanken (Was ist Geschichte?) -Insgesamt ein wenig befriedigender Kinoabend.

Kommentare

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