Die Helden aus der Nachbarschaft

Die Helden aus der Nachbarschaft

Eine Filmkritik von Paul Collmar

Berliner Luft

Gäbe es einen Stadtplan von Berlin, in dem die aufstrebenden Locations für Filme eine Rolle spielen würden, so nähme Prenzlberg dort mit Sicherheit eine Spitzenposition ein. Schon vor dem Mauerfall spielten hier DEFA-Produktionen wie Berlin — Ecke Schönhauser (Regie: Gerhard Klein, 1957) und Solo Sunny (Regie: Konrad Wolf, 1980). Und auch nach der deutsch-deutschen Wiedervereinigung ist die Attraktivität des Kiezes rund um die Schönhauser Allee ungebrochen und erfreut sich spätestens seit Andreas Dresens Erfolg Sommer vorm Balkon weiter wachsender Beliebtheit. Der aus Serbien stammende Jovan Arsenic hat nun mit Die Helden aus der Nachbarschaft einen ambitionierten Episodenfilm über Prenzlauer Berg gedreht, der aber an etlichen dramaturgischen Schwächen und einem hohen Maß an Künstlichkeit leidet.
Der Titel des Films bezieht sich auf die gleichnamige Fernsehsendung eines Privatsenders, die die Moderatorin Erika (Nina Hoger) nun schon seit einigen Jahren leitet. In ihr stellt sie ganz normale Menschen vor, die sich durch besondere Begabungen und Fähigkeiten auszeichnen. Einer dieser außergewöhnlichen Menschen ist die Bäckerin Rosine (Eva Löbau, deren Rolle als schüchternes Mauerblümchen sehr jener aus Der Wald vor lauter Bäumen gleicht), die einst mit ihrem Vater in einem Hinterhof des Viertels den größten Pfannkuchen (also Berliner) der Welt schuf. Da die Bäckerin nicht nur ein großer Fan der TV-Sendung, sondern zugleich auch heillos schüchtern ist, erteilt sie Erika eine Absage. Woraufhin der Feuerwehrmann Attila (Marc Zwinz) zum Zuge kommt, der in der Lage ist, Glas und Metall zu verspeisen und zu verdauen. Wie der Zufall es so will, wurde Attila gerade von seiner Freundin Sabine (Myriam Schröder) verlassen, die nach Höherem strebt und Fernsehmoderatorin werden will. Und zwar genau bei dem Sender, bei dem auch Erika arbeitet. Diese wiederum hat ebenfalls private Probleme, da ihr Gatte, der Psychologe Ulf (Christopher Buchholz) es mit der ehelichen Treue nicht allzu ernst nimmt und just an Sabine gerät. Hinter der ist auch Ulfs und Erikas heftig pubertierender Sohn Niko (Josef Mattes) her, der gerne mal über die Stränge schlägt. Und um das komplizierte Beziehungsgeflecht noch komplexer zu gestalten, kommt es zwischen Rosine und Attila zu ersten zarten Annäherungen.

Allein die Namen lassen einiges befürchten: Eine Bäckerin namens Rosine, ein Feuerwehrmann namens Attila und ein Redaktionsleiter mit Namen Schwanz – was wie ein pubertärer Witz klingt, ist leider ernst gemeint. Alles und jeder ist in diesem Film irgendwie miteinander verbandelt und jeder der Beteiligten hinreichend mit psychischen Macken und Kanten ausgestattet, um nicht als Otto Normalbürger durchzugehen. Trotz passabler bis überzeugender Schauspieler gelingt es dem Film, der sich auf halber Strecke zwischen einer Daily Soap und einem ambitionierten Episoden-Drama im Stile von Großmeistern des Genres wie Robert Altman positioniert, zu keinem Zeitpunkt, zu fesseln und zu faszinieren. Was neben der holprigen Dramaturgie vor allem an den manchmal unfreiwillig komischen Dialogen liegt. Auch der HD-Look von Die Helden aus der Nachbarschaft, der wohl auf gängige Trash-Fernsehformate anspielen und diese persiflieren sowie „Authentizität“ herstellen soll, nutzt sich schnell ab und beißt sich geradezu mit der gewunden-gequälten Figurenkonstellation, die eben nicht die ganz spezielle Aura des Prenzlberg widerspiegelt, sondern ebenso gut in jeder beliebigen Stadt in Deutschland angesiedelt sein könnte.

Wieder einmal zeigt sich an diesem Beispiel, dass episodisch strukturierte Filme eine der schwierigsten Übungen für Filmemacher sind. Sie erfordern ein hohes Maß an Erfahrung und erzählerischem Können und führen gerade im Fall von jungen Regisseuren am Anfang ihrer Karriere häufig zu unbefriedigenden Ergebnissen. Über einige gelungene Ansätze und eine Menge verpasster Chancen kommt auch Die Helden aus der Nachbarschaft nicht hinaus.

Die Helden aus der Nachbarschaft

Gäbe es einen Stadtplan von Berlin, in dem die aufstrebenden Locations für Filme eine Rolle spielen würden, so nähme Prenzlberg dort mit Sicherheit eine Spitzenposition ein. Schon vor dem Mauerfall spielten hier DEFA-Produktionen wie Berlin — Ecke Schönhauser (Regie: Gerhard Klein, 1957) und Solo Sunny (Regie: Konrad Wolf, 1980).
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Meinungen
christiano pelicciari · 02.05.2009

ich finde auch dass der rezesent diesen films vieles nicht verstanden hat. der film ist lustig und kurzweilig. ich habe es genossen.

Andreas Dorn · 01.05.2009

Ich habe den Film im Rahmen der Berlinale bereits im letzten Jahr gesehen und ihn in guter Erinnerung behalten. Wie dem Publikumsgespräch und dem Pressetext des Films zu entnehmen war, ging es Regisseur und Autor Arsenic gerade darum, eine Seifenoper mit ernsten Mitteln zu erzählen, so dass der Eindruck von Künstlichkeit und Konztruiertheit den Rezensenten zwar nicht trügt, aber durchaus intendiert war. Ob es einen solchen Versuch braucht, zei einmal dahin gestellt und die dramaturgischen und erzählerischen Schwächen des Films sind sicherlich evident, aber im Gegensatz zu Herrn Collmar, fand ich gerade die Leistungen von Löbau und Zwinz als verdruckstes Liebespaar sehenswert. (Es ist schon eine ganze Zeit her, aber ich bin übrigens sicher, dass der Redaktionsleiter Herr Lilienthal heisst, da er wie stets mit hohem Wiedererkennungswert vom hintersinnigen Samuel Finzi gegeben wird, und der "Herr Schwanz" tatsächlich ein Witz zu dessen Lasten ist.

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