Die goldene Karosse

Die goldene Karosse

Eine Filmkritik von Marie Anderson

Ein meisterhaftes Stück um die Dinge, die die Welt bewegen

Es heißt, der französische Regisseur und Kinoliebhaber Jacques Rivette sei einst nach der Vorstellung einfach im Kino sitzen geblieben und habe sich den Film sechs Mal hintereinander angeschaut, als er 1953 herauskam. Die goldene Karosse / La carrozza d’oro von Jean Renoir ist eine farbenprächtige, heitere und rasant komponierte Geschichte, welche die großen Themen Macht, Liebe und Eifersucht fokussiert und so elegant wie unterhaltsam inszeniert. Als Bonusmaterial ist auf der DVD die faszinierende Dokumentation Louis Lumière von Éric Rohmer zu finden, innerhalb welcher auch Jean Renoir über die Anfänge der Filmgeschichte räsoniert.
Eine spanische Kolonie in Südamerika zu Beginn des 18. Jahrhunderts: Ein Schiff aus dem fernen Europa bringt eine pompöse goldene Karosse für den Vizekönig des geraubten Territoriums, Ferdinand (Duncan Lamont), mit, der diese aus der Staatskasse finanzieren lässt und damit prunkvolle Ausflüge unternehmen will. Doch das edle Gefährt zieht rasch die Begehrlichkeiten der Aristokratie auf sich, und die Financiers des Königshauses weigern sich, diese private Extravaganz zu bezahlen, die zu einem Symbol für die Macht im Lande avanciert.

Mit demselben Schiff trifft auch eine italienische Schauspieltruppe im Stil der Commedia dell´arte in der Kolonie ein, die mit großartigen Versprechungen dorthin gelockt wurde, die sich allerdings als heiße Luft erweisen. Unter miserablen Bedingungen tritt das Ensemble dennoch auf, und es ist vor allem die energische Darstellerin der Columbina, Camilla (Anna Magnani), die schließlich das Publikum begeistert, ganz zu schweigen von den Männern, denn neben dem Vizekönig verfällt ihr auch noch der feurige Matador Ramon (Riccardo Rioli), wobei Camilla eigentlich dem spanischen Offizier Felipe (Paul Campbell) zugeneigt ist, der sie bereits auf der Überfahrt umschwärmte.

Als der Vizekönig die goldene Karosse zum Zeichen seiner Verehrung spontan an die begeisterte Camilla verschenkt, die auf dem Schiff gemeinsam mit Felipe einige Monate lang in diesem Luxuswagen nächtigte, gerät die Affäre zu einem Politikum und in Verstrickungen um Macht, Liebe und Eifersucht. Die leidenschaftliche Columbina sieht sich nun kopflos zwischen drei imposanten Männern hin und her gerissen, doch als die Situation zu eskalieren droht, trifft sie eine kluge Entscheidung, deren Diplomatie geradezu einem genialen Schelmenstreich gleicht …

Ein wunderbarer Film mit filigranen Implementierungen feinster Filmkunstpartikelchen ist Jean Renoir mit Die goldene Karosse gelungen, was sowohl auf die inhaltliche Ebene wie auch auf die formale Gestaltung zutrifft. Jean, Sohn des berühmten Malers Pierre-Auguste Renoir, setzte ein raffiniertes Farbenspiel in Szene, das bei aller politischer Brisanz eine geradezu liebevolle Hommage an die Commedia dell´arte darstellt, deren typische Strukturen sich auch jenseits des charmant gestalteten Theaters im Film in seiner Dramaturgie wiederfinden, die durch Musik von Antonio Vivaldi stilecht unterstützt wird. In der Figur des Offiziers Felipe verkörpert sich eine deutliche, knappe Kritik am kolonialen Unterdrückungssystem, die nur eine der politischen Spitzen darstellt, die Renoir geschickt installiert und dezent mit den emotionalen Inhalten verwoben hat. Besonders der Schluss des Films ist schlichtweg grandios komponiert und enthält die Botschaft, dass das wahre Künstlerherz sich letztlich doch für die Profession entscheidet, auch wenn Liebe, Macht und Ruhm locken.

Die goldene Karosse

Es heißt, der französische Regisseur und Kinoliebhaber Jacques Rivette sei einst nach der Vorstellung einfach im Kino sitzen geblieben und habe sich den Film sechs Mal hintereinander angeschaut, als er 1953 herauskam.
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