Die Geschwister

Die Geschwister

Eine Filmkritik von Harald Mühlbeyer

Brüderchen und Schwesterchen

Thies ist kein Wohnungsmakler. Darauf besteht er. Er ist Immobilienverwalter. Was letztendlich bedeutet, Bewerbern Wohnungen zuzuweisen; oder sie abzulehnen. Wohnungen zu renovieren. Den Wert zu erhalten. Mieten zu verteuern. Im Sinne der Eigentümer auf Einhaltung der Regeln zu achten. Durchsetzungsfähig zu sein und deeskalierend zu wirken. Alles ist auf ereignislose Weise gut für ihn. Bis er aggressiv angeflirtet wird. Hat er vielleicht diesen jungen, blonden polnischen Sonnyboy zu lange angeschaut bei der Wohnungsbesichtigung? Tatsache ist, dass dieser Bruno sich anbietet, was Thies nicht ablehnen kann. Sie beginnen eine wilde Beziehung, in der alsbald Sonja mitmischt. Bruno und Sonja: Bruder und Schwester. Die Geschwister ist Jan Krügers vierter Film, eine zurückhaltende, aber intensive Studie über das Zusammensein, über Vertrauen, über Brauchen und Gebrauchtwerden. Über Freiheiten, die man hat, die man anderen gewährt und die andere einem lassen – oder auch nicht.
Thies' Leben hat seinen Rhythmus. Der ist nicht aufregend, aber stetig. Arbeit. Joggen. Beim Möbel-Trödler Marcos aushelfen. Sich dessen Geschichten über die immer noch geliebte Ex-Frau anhören. Sonst braucht er nichts und niemanden. Und findet bei Bruno eine unverhoffte Verbindung zu einem Mitmenschen. Bruno, der wiederum stark mit Sonja verbunden ist. Schwester? Vielleicht nicht im biologischen Sinne. So ähnlich sehen sie sich nicht. Vielleicht eher im übertragenen, gar im mythologischen Sinn: Man kann nicht ohne einander. Grimms Märchen vom in ein Reh verwandelten Brüderchen und seinem Schwesterchen waren für Jan Krüger eine wichtige Inspiration: "Als schließlich der Königssohn auftaucht, erklärt sie, ihm nur unter einer Bedingung aufs Schloss zu folgen: 'Aber das Rehchen muss auch mit, das verlass ich nicht'", schildert Krüger, "eine Entschlossenheit, die mich schon als Kind beeindruckt hat."

Bruno und Sonja sind Illegale, Polen, Weißrussen, aus ungeklärter Herkunft. Sie ziehen durch Berlin, von Bleibe zu Bleibe. Auch Thies bietet ihnen eine Wohnung an. Leerstand, irgendwann werden da mal Handwerker auftauchen, hier wohnen ist kein Problem. Ein Freundschaftsdienst. Doch was bedeutet Freundschaft? Zwischenmenschliche Beziehungen sind bestenfalls Symbiosen: Man gibt und nimmt wechselseitig, man hilft sich gegenseitig beim Leben, man ist einander gut. Bruno und Sonja sind symbiotisch so eng verbunden, dass nichts sie trennen kann. Thies kommt als dritter Faktor hinzu. Kann es ein symbiotisches Dreieck geben? Oder gerät das Gleichgewicht durcheinander? Und wenn ja: wessen Gleichgewicht? Und wer wäre dann der Beziehungsschmarotzer?

Jan Krüger geht ganz aufmerksam diesen Fragen nach und entspinnt eine Geschichte, deren Charaktere auf vielschichtige Weise Wechselbeziehungen eingehen. Im Bett mit Bruno ist alles gut; doch Sonja verbittet sich zu große Nähe. Um dann doch in einer wunderbar intimen Szene der abendlichen Entspannung auf dem Balkon mit Thies eine kleine Heavy-Metal-Konzert-Anekdote zusammenzufantasieren, körperlich getrennt in einem geistigen Duett. Während auch Bruno sich in Thies' Kreise einmischt, für den Trödler Marcos Altmöbel in Polen organisieren will. Dabei mit seiner bloßen Anwesenheit Thies' Verlangen provoziert, sich immer wieder spielerisch entzieht, wieder nachgibt, schließlich zur Happy Hour im Puff einlädt – ein Spiel mit Anziehung und Ablehnung, das Thies nicht durchschauen kann.

Vielleicht, weil er ohnehin einem ganz anderen Leben entspringt, eines, in dem jeder für sich ist und bleiben kann, eines der selbstgewählten Reduktion. Vielleicht so etwas wie das Falsche im Falschen. Vielleicht will er in etwas Richtiges, in etwas Wirkliches überspringen. Vielleicht verschätzt er das, überschätzt sich und andere. Vielleicht will er gar nichts, weil er das Wollen schon verlernt hat. Das Vielleicht seines Lebens kann sich wahrscheinlich gar nicht konkretisieren in einer so polarisierten Welt: Flüchtlingshilfe und Miet-Anarchos, das ist nicht kompatibel. Und der Tausch, auf den sich Thies einlässt, Zuwendung und Emotion gegen handfeste Hilfe in der Berliner Existenz, der kann wegen mangelnder Geschäftsgrundlage gar nicht gültig sein.

Das Leben ist kein Märchen. Das Brüderchen und das Schwesterchen bleiben zusammen. Ob Waldhütte oder Palast: Der Königssohn kann wechseln, die Geschwister bleiben.

Die Geschwister

hies ist kein Wohnungsmakler. Darauf besteht er. Er ist Immobilienverwalter. Was letztendlich bedeutet, Bewerbern Wohnungen zuzuweisen; oder sie abzulehnen. Wohnungen zu renovieren. Den Wert zu erhalten. Mieten zu verteuern. Im Sinne der Eigentümer auf Einhaltung der Regeln zu achten. Durchsetzungsfähig zu sein und deeskalierend zu wirken. Alles ist auf ereignislose Weise gut für ihn. Bis er aggressiv angeflirtet wird.
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