Die Geschichte von Marie und Julien - Histoire de Marie et Julien

Die Geschichte von Marie und Julien - Histoire de Marie et Julien

Die Phantome des Uhrmachers

Ungewohnt mystisch präsentiert sich der neue Film der französischen Regiealtmeisters Jacques Rivette um eine Liebe zwischen Leben und Tod, der freilich gewohnt zurückhaltend und detailgenau inszeniert wurde - ein typischer Rivette also. Die Story: Der Uhrmacher Julien (Jerzy Radziwilowicz) lebt zurückgezogen in einem großen alten Haus, das voller Antiquitäten und alter Uhren ist – Boten und Chiffren der Vergänglichkeit. Sein einziger Gefährte ist eine kleine Katze, mit der er sein einfaches Leben teilt. Die einzige Abwechslung, so scheint es, ist der Kontakt zu Madame X, einer Frau, die mit gefälschter antiker Seide handelt und die deshalb von dem Uhrmacher erpresst wird. Sein Leben ändert sich erst, als Marie (Emmanuelle Béart) in sein Leben tritt, eine geheimnisvolle, schweigsame und sinnliche Frau. Bereits nach einer Nacht bittet Julien Marie, bei ihm einzuziehen, ein Wunsch, dem sie gerne entspricht.

Und fortan teilen die beiden Tisch und Bett, lieben sich leidenschaftlich, gestehen sich ihre intimsten Wünsche und Phantasien und bleiben doch einander fremd. Besonders Marie verhält sich mit der Zeit zunehmend merkwürdig: Sie entdeckt in dem verwinkelten, fast labyrinthisch anmutenden Haus eine leerstehende Dachkammer und beginnt – wie von einem inneren Dämon besessen – diesen Raum in Beschlag zu nehmen und ihn nach einem geheimen Plan einzurichten. Fast scheint es so, als warte Marie auf etwas Unausweichliches, doch sie weiht Julien nicht in ihre Geheimnisse ein. Doch Marie ist selbst eine Gefangene dieser Situation, denn sie stellt fest: „Es ist eine tiefe Kluft zwischen uns, und ich weiß nicht, wie ich sie überwinden kann.“

Als Julien Marie in seine finsteren Erpressungen einweiht und sie seine Botin wird, stellt sich heraus, zwischen Madame X und Marie eine Verbindung besteht. Über seine Geliebte erhält er einen Brief, der Madame X belastet und der von ihrer verstorbenen Schwester Adrienne stammt. Was haben Adrienne und Marie gemeinsam, welches Geheimnis verbindet sie? Schließlich gärt in dem Uhrmacher eine Erkenntnis, die er kaum ertragen kann, denn die Liebe, die er in Marie fand, ist nicht von dieser Welt.

Obwohl manches in Jacques Rivettes neuem Film Die Geschichte von Marie und Julien an The Sixth Sense von M. Night Shialamar erinnert, erzählt der französische Regisseur und Hitchcock-Verehrer seine traurige Liebesgeschichte mit den ihm eigenen typischen Mitteln, wortkarg, voller Bedacht und mit einer unglaublichen Sinnlichkeit für Stimmungen, Oberflächen und Räume. Auf diese Weise entsteht mitten im Leben eine geheimnisvolle Parallelwelt, in der Alltagsgegenstände zu Zeichen werden und das Schweigen oft beredter ist als jeder wortgewandte Dialog. Das Grauen, das sich während der 150 Minuten des Films langsam ins Bewusstsein Juliens und des Zuschauers schleicht, ist keines aus einer anderen Welt, sondern ganz und gar diesseitig, denn „mitten im Leben sind wir vom Tod umfangen“.

Keine leichte Kinokost, doch dank Rivettes typischer Mise-en-scène, zweier herausragender Darsteller und der schwebenden Atmosphäre ein absolut sehenswerter Film.

Die Geschichte von Marie und Julien - Histoire de Marie et Julien

Ungewohnt mystisch präsentiert sich der neue Film der französischen Regiealtmeisters Jacques Rivette um eine Liebe zwischen Leben und Tod, der freilich gewohnt zurückhaltend und detailgenau inszeniert wurde.

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