Die Geschichte vom weinenden Kamel

Die Geschichte vom weinenden Kamel

Eine Filmkritik von Andrea Kriegl

Von Kamelen und Menschen

Hart ist das Leben in der Wüste Gobi im Süden der Mongolei: Ausgezehrt von einer langen und schwierigen Geburt verstößt die Kamelmutter der Nomadenfamilie Amgaa ihr Neugeborenes. Immer wieder unternimmt das weiße kleine Kamel Annäherungsversuche an die Mutter, und ein ums andere Mal wird es verstoßen. Schließlich greift die Nomadenfamilie zum letzten Mittel und besinnt sich auf ein altes Ritual: Ein Geiger aus der Stadt soll mit seiner Musik das Herz der widerspenstigen Kamelmutter betören und sie so dazu bringen, sich wieder ihres verstoßenen Kindes anzunehmen.

Was auf den ersten Blick wie ein fremdländisches und exotisches Märchen klingt, erweist sich bei genauerer Betrachtung allerdings als Realität. Denn die aus der Mongolei stammende Filmemacherin Byambasuren Davaa und ihr italienischer Kameramann Luigi Falorni (beide übrigens Absolventen der Münchner Hochschule für Film und Fernsehen, an der sie diesen Film als Abschlussarbeit realisierten) begleiteten sieben Wochen lang eine Nomadenfamilie in der Mongolei, die ihren Lebensunterhalt als Kamelhirten verdienen. Fern jeglicher Idealisierung des ungebundenen Lebens gelang ihnen dabei ein ebenso spannender wie eindrucksvoller Einblick in die Legenden und die Lebensumstände der Wüstenbewohner – seien es nun Menschen oder Kamele. Die Unterschiede sind sowieso verschwindend gering, wie der Film uns lehrt, denn auch Kamele können weinen…

Interview mit der Filmemacherin Byambasuren Davaa

Wie verbreitet ist die Lebensweise der Nomaden in der Mongolei?
Es leben immer noch viele Familien als Nomaden, aber ihre Zahl ist stark zurückgegangen. Früher haben die Familien alles selbst produziert, was sie zum Leben brauchten. Das ändert sich heute. Viele Nomaden stehen vor der Entscheidung, ob sie auf die traditionelle Weise weiterleben wollen oder können. Vor allem die Jüngeren wollen in die Stadt, sie wollen Coca-Cola trinken und Gameboy spielen.

Wann haben Sie zum ersten Mal von dem Musikritual gehört, das wir im Film sehen?
Ich bin in der Stadt aufgewachsen, ich bin die erste Generation in meiner Familie, die in der Stadt geboren ist. Meine Großeltern waren Nomaden, sie gingen in die Stadt. Für meine Großeltern gehörte das Musikritual noch zum normalen Alltag und war nichts Besonderes. Wenn Du jeden Tag eine Tasse Tee trinkst und es zu deinem Alltag gehört, wirst du es nicht unbedingt deinen Enkelkindern erzählen.

Von dem Ritual habe ich also nicht durch meine Großeltern erfahren, sondern durch einen Film. Anfang der achtziger Jahre habe ich einen Film gesehen, über eine Kamelmutter, die ihr Fohlen verstößt. Der Film strahlte eine ganz besondere magische Kraft aus. Viele Kinder haben geweint, als sie den Film gesehen haben. Ich glaube, ich habe am lautesten geweint: Die Kamele haben mir so leid getan. Der Film hat sich fest in mein Gedächtnis eingeprägt. Wann immer die Rede von der Gobi war, kamen mir die Bilder aus dem Film in den Kopf und das wird auch immer so bleiben.

Was wäre aus dem Kamelbaby geworden, wenn das Musikritual nicht angewendet worden wäre bzw. nicht gewirkt hätte?
Das Kamelbaby hätte nicht aufgehört zu weinen. Das hätte kein Mensch ausgehalten. Dieses herzzerreißende Weinen. Kamele ertragen ganz schwer die Trennung von Mutter und Kind. Sie müssen das Trauma aufarbeiten und das erreichen die Nomaden durch Musik, durch Gesang.
Seit ich mich mit dem Thema beschäftige, ist mir kein Fall bekannt geworden, wo das Ritual nicht funktioniert hätte. Ich habe mit vielen Nomaden darüber gesprochen, aber ich habe nie gehört, dass es nicht funktioniert.

Hat die Familie den Film gesehen?
Ich habe der Nomadenfamilie den Film gezeigt und ich muss sagen, ich war bei einer Abnahme noch nie so aufgeregt, wie bei dieser. Der Familie sind die Tränen gekommen und sie haben auch viel gelacht. Die Urgroßmutter war ein paar Monate zuvor gestorben. Ugna ist sehr nachdenklich geworden, als er seine Urgroßmutter gesehen hat. Sein Urgroßvater war sehr traurig über den Tod seiner Frau und hat in seinem Schmerz gesagt, dass er ohne sie am liebsten auch nicht mehr leben will. Es war sehr emotional. Aber sie haben auch viel gelacht. Der kleine junge ist inzwischen groß geworden und kann reden. Er war aufgeregt, seine Urgroßmutter zu sehen und fragte immer wieder: „Ist das bei uns zu Hause? Oder wie?“

Die Geschichte vom weinenden Kamel

Hart ist das Leben in der Wüste Gobi im Süden der Mongolei: Ausgezehrt von einer langen und schwierigen Geburt verstößt die Kamelmutter der Nomadenfamilie Amgaa ihr Neugeborenes.

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Meinungen
PrivatArt · 01.02.2008

Es ist ein Film, der mir nicht aus dem Gemüt und nicht aus dem Kopf geht. Wunderbar!

Isabella · 18.03.2005

Einfach schön, ein Film der mich sehr berührt hat...

Kommentare

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