Die Gentrifizierung bin ich - Beichte eines Finsterlings (2017)

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Anhand seiner eigenen Wohnbiografie zeigt der Schweizer Filmemacher Thomas Haemmerli Probleme in der Stadtentwicklung auf und nimmt sich dabei selbst als Verursacher nicht aus.

Die Gentrifizierung bin ich - Beichte eines Finsterlings (2017)

Eine Filmkritik von Joachim Kurz

Im Dichtestress

Dass die Schweiz zu dicht besiedelt ist - auf diese Idee muss man erst einmal kommen. Platz, so scheint es, ist das Gut, von dem die Schweiz neben Geld am meisten zur Verfügung hat. Und dennoch spielt der Dichtestress und die Angst vor „Überfremdung“ in der Schweiz wie anderswo eine wichtige Rolle in Wahlkämpfen und den alltäglichen politischen Auseinandersetzungen. Wobei dies kein Problem der Gegenwart allein ist, sondern gerade in der Alpenrepublik eine gewisse Tradition hat.

Diese Schweizer Urangst (eine völlig unnötige übrigens, denn die Einwohnerzahl Zürichs hat sich im Lauf der Jahre kaum verändert) nimmt der Filmemacher Thomas Haemmerli als Anlass und Ausgangspunkt für einen essayistischen Dokumentarfilm, der persönliche Biographie, Familienhistorie, Zeitgeschichte, politische Entwicklungen, aber auch Stadtplanung und Soziologie zu einem erstaunlich stringenten Film zusammenführt, der zudem aus seiner Subjektivität keinen Hehl macht und sich selbst, wie der Titel es bereits andeutet, von seinen Betrachtungen nicht ausnimmt.

Ausgehend von seiner eigenen Biographie und Herkunft als Kind vermögender Eltern geriet Haemmerli in seiner Jugend selbst in jene Kreise, die gegen Spekulation und Mietwucher protestieren, was im späteren Verlauf seines beruflichen wie privaten Werdegangs zu zahlreichen Widersprüchlichkeiten führte. Heute besitzt Haemmerli selbst neben seiner Bleibe in Zürich Wohnungen in Mexiko-City, in São Paulo und im georgischen Tiflis und vermietet diese gelegentlich per AirBnB weiter, so dass er nun selbst ein Teil des Problems der Gentrifizierung geworden ist. Und so besitzt er aus eigener Anschauung genügend Erfahrung in verschiedenen Wohn- und Stadtplanungsmodellen, um deren Vor- und Nachteile - gerne in Listenform - durchzudeklinieren. Und wo er Fehler sieht, lässt er es sich nicht nehmen, diese zumindest auf der Kinoleinwand selbst brachial auszumerzen, so dass er beispielsweise an einer Stelle gleich die gesamte Altstadt Zürichs in die Luft jagt, um so städtebauliche Fehlentscheidungen im Nachhinein zumindest virtuell zu korrigieren.

Mit Die Gentrifizierung bin ich. Beichte eines Finsterlings setzt Thomas Haemmerli seinen ganz eigenen Stil und seine sehr individuelle Art des dokumentarischen Filmemachens nahezu nahtlos fort. Wer seinen letzten in Deutschland im Kino gelaufenen Film Sieben Mulden und eine Leiche kennt, weiß, dass dies nicht ganz frei von Eitelkeiten ist, wenngleich diese stets durch einen (selbst)ironischen Erzählton gebrochen und gemildert werden. 

Witzige Einschübe, etwa aus zoologischen Lehrfilmen, in Form von Schnipseln aus altem Archivmaterial oder durch aggressiv gesetzte Typographien machen aus dem eigentlich sehr komplexen Film ein überwiegend vergnügliches Werk, dass nur an der einen oder anderen Stelle ein wenig zu rasant, verspielt und grob vereinfachend geraten ist.  

Zwar erfährt man eine Menge über die Schweizer Verhältnisse und den Wohnwerdegang des Regisseurs selbst. Haemmerlis subjektiver, ironisch-analytischer Blick legt es allerdings weniger auf einen Wissenstransfer an als vielmehr darauf Impulsgeber zu sein, um einen eigenen Blick aufs Thema zu entwickeln.

Die Gentrifizierung bin ich - Beichte eines Finsterlings (2017)

Anhand seiner persönlichen Wohnsituationen und seiner eigenen Biografie beschreibt der Dokumentarfilmer Thomas Haemmerli (Sieben Mulden und eine Leiche) Themen wie Stadtentwicklung, Fremdenfeindlichkeit und Verdrängung sozialer Schichten und Milieus aus bestimmten Vierteln und Quartieren. 

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