Die Generallinie (1929)

Die Generallinie (1929)

Eine Filmkritik von Jean Lüdeke

Fortschritt ist Elektrifizierung

Ein filmischer Visionär und politischer Revolutionär: Sergej Michailowitsch Eisenstein (1898–1948) beeinflußte wie kein anderer Regisseur das Kino durch seine Filme und seine zahlreichen theoretischen Schriften. So revolutionierte er Film überhaupt durch seine berühmte Theorie der „Montage der Attraktionen“.

Attraktionen im desolateren Ambiente exponiert sein Propagandafilm Die Generallinie von 1929 über die Schwierigkeiten und Erfolge bei der Kollektivierung der Landwirtschaft in der jungen UdSSR. Anhand der Vita einer jungen Bäuerin, die durch ihren vorbildlichen Einsatz die Mitbewohner ihres Dorfes von der Richtigkeit der Kollektivwirtschaft überzeugt und ihnen das in der Zeit der Knechtschaft verloren gegangene Vertrauen in die eigene Kraft zurückgibt, versucht Eisenstein Ertrag und Verlust der Agrarrevolution zu verbildlichen. Ein beispiellos pathetisches Zeugnis des sozialistischen Aufbaus sollte in diesem Werk geschaffen werden. Als Zeichen des Fortschritts fungierten Milchmaschine und Traktor als Einzugs-Instrumentarien in eine bis dato rückständige Welt dörflicher Hinterwäldler.

In früheren Filmen hatte Eisenstein auf die Darstellung von Individualität und Sujet weitgehend verzichtet. Um nun aber den Zuschauern das schwierige Thema der Kollektivierung näher zu bringen, distanziert er sich bisweilen von seiner bisherigen Vorgehensweise. Zwar arbeitete er nach wie vor mit Laiendarstellern, stellte nun aber einzelne Personen stärker in den Vordergrund. Seinen kühnen Montage-Theorien blieb er jedoch in jedem Fall treu: Ein sehr großes humanes Experiment, das viele Künstler und Intellektuelle begeisterte und in ihrem Schaffen anregte. Nur wenigen Regisseuren ist eine derart dynamische und visionäre Übersetzung revolutionärer Stoffe in eine filmische Form gelungen wie ihm.

Eisenstein (23. 01 1898 in Rīga — 11. 02 1948 in Moskau) feierte seinen internationalen Durchbruch als anerkannter Regisseur mit Panzerkreuzer Potemkin, insbesondere der filmsprachlich berühmten Filmszene des herrenlos herunterrollenden Kinderwagens auf der Treppe von Odessa. Ein Meisterwerk, das bis heute genauso zu den Klassikern der Filmgeschichte gezählt wird ebenso wie seine Filme Oktober (Zehn Tage, die die Welt erschütterten) und eben Die Generallinie. Seine späteren Filme wurden teilweise Opfer einer allzu effektiven Zensur. Kein Zweifel, Eisenstein gilt, obwohl in äußerst politisch schwierigen Zweiten tätig, theoretisch wie auch handwerklich insbesondere durch seine eben innovative Montagetechnik als einer der größten und am meisten kopierten Regisseure und Künstler der Filmgeschichte: Einer, der ganz Großen, einer, der seine schnitttechnischen Früchte auch heuer noch modifiziert im Filmwesen bestaunen würde.
 

Die Generallinie (1929)

Ein filmischer Visionär und politischer Revolutionär: Sergej Michailowitsch Eisenstein (1898–1948) beeinflußte wie kein anderer Regisseur das Kino.

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