Die Flügel der Taube

Die Flügel der Taube

Eine Filmkritik von Marie Anderson

Eine bewegende Henry-James-Verfilmung

In London zu Beginn des 20. Jahrhunderts trifft sich heimlich und jenseits der Schicklichkeit einer konventionellen Eheanbahnung ein verliebtes Pärchen im Hyde Park, in verrauchten Pubs und in verschwiegenen Zimmern. Der sozialistisch orientierte Journalist Merton Densher (Linus Roache) ist fest entschlossen, seine aparte Geliebte Kate Croy (Helena Bonham Carter) zu heiraten. Doch die mittellose, kluge Schönheit, deren Mutter kürzlich verstarb und deren Vater (Michael Gambon) sein abgestürztes Dasein im Opium-Rausch fristet, will keineswegs auf die Annehmlichkeiten des luxuriösen Lebenswandels verzichten, den sie gerade bei ihrer Tante Maude (Charlotte Rampling) genießt, deren Ziel es ist, Kate in wohlhabende Verhältnisse zu verkuppeln.
Derart gestaltet sich die Ausgangssituation von Die Flügel der Taube nach dem gleichnamigen Roman des US-amerikanischen Schriftstellers Henry James aus dem Jahre 1902, dessen großzügig und ästhetisch anspruchsvoll angelegte Verfilmung von Iain Softley die Londoner Gesellschaft nach der Jahrhundertwende mit dem Fokus auf der Geschichte der jungen Kate skizziert, die sich bei all ihrer Leidenschaft für den smarten Merton unter dem Drängen ihrer strengen, standesbewussten Tante dafür entscheidet, ihren Geliebten nicht mehr allein zu sehen, sondern sich in den gehobenen Kreisen einen angemessenen Gatten zu erobern. Obwohl sich der berechnende, geschwätzige Lord Mark (Alex Jennings) offensichtlich rasch in Kate verliebt, ist allerdings noch kein potenzieller Ehekandidat für sie in Sicht.

Dafür trifft aber die gleichermaßen charmante, bestens betuchte und zutrauliche Amerikanerin Millie Theale (Alison Elliott) in London ein, der die ungezähmte Kate nur allzu gut gefällt, und es bahnt sich beinahe eine Freundschaft zwischen den beiden jungen Frauen an. Während Lord Mark Kate unumwunden seine Absicht bekundet, sich als Lösung seiner finanziellen Engpässe die reiche Amerikanerin zu angeln, die an einer schlimmen Krankheit leide und ohnehin nicht mehr lange leben werde, verliebt sich Millie auf Anhieb in den ernsthaften Merton, den sie als Freund von Kate kennen lernt. Doch Merton hat nach wie vor sein Herz an Kate verloren, die im Verlauf der Ereignisse und Konstellationen auf die Idee verfällt, Merton könne Millie heiraten und bald ein vermögender Witwer sein ...

Es ist der vielseitig schillernde und markant gestaltete Charakter der betörenden Kate, der sich in seiner scheinbaren Sanftheit aus überwundener Ohnmacht zur signifikanten Mächtigkeit erhebt, der so lange Schicksal spielt, bis die Wendungen sich emotional verselbstständigen und die Leere der letztlich unerfüllten Begegnungen und Beziehungen hartnäckig um sich greift. Am Ende, wenn die Erfüllung der vorherigen Wünsche so leicht erreichbar ist, klaffen nur Wunden des Verlusts und der Einsamkeit, die von der unachtsamen Gier nach Wohlstand und Liebe gerissen wurden. Die Flügel der Taube ist ein hübsch ausgestattetes wie fotografiertes Stück über die Fallstricke eines nicht einmal vorrangig bösartigen Verlangens nach Reichtum, dessen Wert am Ende nichtig ist.

Seinerzeit vierfach für den Oscar nominiert wurde der Film vorrangig aufgrund der überragenden schauspielerischen Leistung von Helena Bonham Carter mehrfach ausgezeichnet, deren Ausdruck zwischen explosiver Lebensfreude, kalter Berechnung und ironischer Melancholie oszilliert. Dass Die Flügel der Taube unterschwellig und am Schluss auch offensiv ein moralisches Drama darstellt, mindert selten seine romantischen Qualitäten im besten Sinne einer bewegenden Herz-Schmerz-Geschichte mit emphatischer Wirkung, und dem Zuschauer bleiben über die unmittelbare Sichtung hinaus die eigenen Spekulationen über potenzielle alternative Entwicklungen dieser tragischen Erzählung, die ihre Protagonisten gleichermaßen jung und verbraucht zurücklässt.

Die Flügel der Taube

In London zu Beginn des 20. Jahrhunderts trifft sich heimlich und jenseits der Schicklichkeit einer konventionellen Eheanbahnung ein verliebtes Pärchen im Hyde Park, in verrauchten Pubs und in verschwiegenen Zimmern. Der sozialistisch orientierte Journalist Merton Densher (Linus Roache) ist fest entschlossen, seine aparte Geliebte Kate Croy (Helena Bonham Carter) zu heiraten.
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