Die Dinge des Lebens

Die Dinge des Lebens

Eine Filmkritik von Marie Anderson

Die große Ratlosigkeit

Dass die schöne Übersetzerin Hélène (Romy Schneider) in ihrer Beziehung mit dem Architekten Pierre (Michel Piccoli), den sie offensichtlich liebt, unglücklich ist, bringt sie wortreich zum Ausdruck, während Pierre ihren Vorhaltungen mit Schweigen oder inhaltlicher Ignoranz begegnet. Vermutlich hat das Paar, das seit der Scheidung Pierres von seiner langjährigen Ehefrau Catherine (Lea Massari) zusammenlebt, zuvor bessere Zeiten verbracht, doch gerade sind Pierres Gedanken möglicherweise allzu häufig mit den Erinnerungen an die frohen Zeiten mit Catherine und an seinen erwachsenen Sohn Bertrand (Gérard Lartigau) beschäftigt, obwohl er bei der Begegnung mit ihm wenig Interesse an dessen Lebenswelt zeigt. Dieser Mittvierziger befindet sich deutlich in einer Daseinskrise, die er in einem zerrissenen inneren Dialog durch wechselhafte Entscheidungen grundsätzlicher Natur – zunächst, Hélène zu verlassen, dann, sie zu heiraten – in den Griff zu bekommen bemüht ist.
Den Brief noch bei sich, in dem er Hélène die Trennung ankündigt, gerät Pierre in einen letztlich tödlichen Autounfall, und es ist dieses drastische Ereignis, um welches sich dieses kleine Drama von Claude Sautet aus dem Jahre 1970 dreht, das seinerzeit mit dem Prix Louis Delluc ausgezeichnet wurde. In kompliziert angelegten Rückblicken werden die finalen Gedankengänge des sterbenden Mannes visualisiert, der in der Hoffnung zu überleben den Brief vernichten und mit Hélène zusammenbleiben will, um nicht allein zu sein – ein Grund, der wohl seine drängendste Angst ausdrückt. Ohne dass es direkt thematisiert wird, beschäftigt sich die im Grunde karge Geschichte hintergründig mit der Suche nach einem Wert oder Sinn innerhalb einer Existenz der mal erfreulichen, mal freudfernen Banalitäten, die allerdings eine berührende Intensität vermissen lassen oder aber erst im Rückblick an Gehalt gewinnen – und das auch nur ansatzweise.

Selten sieht man Michel Piccoli hier ohne Zigarette, und auch die übrigen Protagonisten rauchen kräftig, was für den Film eines französischen Regisseurs jener Zeiten sicherlich nicht ungewöhnlich ist, aber auch dabei wird kein direkter, etwa symbolischer Bezug zur Handlung hergestellt, die so unverbindlich bleibt, dass der Zuschauer am Ende zwar ein komprimiertes Drama über einen sterbenden, vermutlich auch lebensmüden Mann mit ansprechender musikalischer Untermalung gesehen hat, diesem aber kaum die Motivationen der Figuren, bedeutsame Wendungen oder gar Weisheiten abgewinnen kann. Die Dinge des Lebens bleibt selbst in der Aussage vage, worin diese eigentlich für den viel beschäftigten Architekten tatsächlich bestehen, für den es zu spät sein wird, um seine im Koma gefassten Pläne noch umzusetzen. Einen davon realisiert allerdings seine ehemalige Frau Catherine, indem sie seinen Brief an Hélène im Krankenhaus am Ende zerreißt – immerhin eine Spur von Verbindung innerhalb der großen Ratlosigkeit, die dieser Film zurücklässt.

Die Dinge des Lebens

Dass die schöne Übersetzerin Hélène (Romy Schneider) in ihrer Beziehung mit dem Architekten Pierre (Michel Piccoli), den sie offensichtlich liebt, unglücklich ist, bringt sie wortreich zum Ausdruck, während Pierre ihren Vorhaltungen mit Schweigen oder inhaltlicher Ignoranz begegnet.
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