Die Beschissenheit der Dinge

Die Beschissenheit der Dinge

Eine Filmkritik von Joachim Kurz

Es ist etwas faul im Staate Belgien

„Gott schuf den Tag und wir schleppten uns hindurch.“ (Dimitri Verhulst: Die Beschissenheit der Dinge)
Was ist nur mit den belgischen Filmemachern los? Hatte man jahrelang den Eindruck, die belgische Filmlandschaft bestünde fast ausschließlich aus den Gebrüdern Dardenne, drängen in den letzten Jahren junge, zumeist flämische Regisseure nach und produzieren einen beeindruckenden Film nach dem anderen. Was dabei auffällt, ist ihr schonungsloser und desillusionierender Blick auf die Randbereiche der belgischen Gesellschaft, auf die Außenseiter und Drop-outs, die Freaks und die Einsamen. Koen Mortiers Ex Drummer, Bouli Lanners’ Eldorado und nun Felix van Groeningens The Misfortunates ähneln sich so sehr in ihren Themen und ihrer Haltung, dass manch Filmkritiker darin bereits eine belgische „nouvelle vague“ ausmachen kann. Ein Kino, das den Blick auf die sozialen Realitäten des Landes richtet und diese schonungslos aufzeigt. Der nüchterne Blick auf die gesellschaftlichen Randbereiche und Schieflagen, er eint arrivierte Filmemacher wie die Dardennes und Newcomer wie die jungen flämischen Wilden, er schlägt Brücken in einem Land, das von einem Streit der Sprachen, Kulturen und Mentalitäten so tief gespalten ist wie kaum eine andere mitteleuropäische Nation.

Interessant ist dabei vor allem, dass diese Art des Filmemachens auch international wachsende Beachtung findet. Auch wenn mancher Regisseur anfangs noch gezwungen ist, mit spektakulären Aktionen auf seinen Film auf sich aufmerksam zu machen. So geschehen beim diesjährigen Filmfestival von Cannes, als Felix van Groeningen mit seinen Hauptdarstellern nackt über die Croisette zum Palais de Festival radelte und es damit prompt auf breiter Front in die Medien schaffte. Die Gefahr bei solchen Aktionen: Jeder berichtet über den Event, kaum jemand über den Film. Was gerade im Fall von The Misfortunates schade ist. Der Film ist nämlich eine Coming-of-Age-Geschichte der etwas anderen Art: Die eigentlich traurige Geschichte des Heranwachsens in prekären Verhältnissen wird so vordergründig heiter und hintergründig entsetzlich erzählt, dass man nie weiß, ob man nun lachen oder weinen soll. Man ist dazu geneigt, beides zugleich zu tun.

Der 13-jährige Gunther Strobbe (Kenneth Vanbaeden) lebt gemeinsam mit seinem Vater, dem Säufer und Nichtsnutz Marcel alias Celle (Koen De Graeve) und dessen drei ebenso abgewrackten Onkeln Lowie/Petrol (Wouter Hendrickx), Pieter/Beefcake (Johan Heldenbergh) und Koen (Bert Haelvoet) bei seiner liebenswürdigen Großmutter (Gilda de Bal). Während sich die alte Dame abrackert, haben die vier erwachsenen Männer nichts als Unsinn im Kopf und sind mit nichts anderem beschäftigt, die Ehre der Strobbes in der Dorfkneipe und bei Highlights wie einem Nacktfahrradrennen und einem Weltrekordversuch im Dauerbiertrinken zu verteidigen. Und Gunther ist immer mit dabei.

Klar, dass der Einfluss der Erwachsenen sich auf ihn nicht gerade positiv auswirkt. Auch wenn die verrückten Aktionen seines Vaters und dessen Brüder immer wieder für Erheiterung sorgen, wird spätestens mit dem Eingreifen des Jugendamtes klar, dass dies kein Umfeld ist, in dem sich ein Junge normal entwickeln kann. Doch Gunther fühlt sich seinem Vater gegenüber verpflichtet. Der Junge weiß instinktiv, dass dieser ein schwerwiegendes Alkoholproblem hat und früher oder später vor die Hunde geht. Kann ein Dreizehnjähriger die Verantwortung für seinen Vater übernehmen? Oder soll der Junge wie dies der Schulleiter empfiehlt, auf ein Internat gehen? Auch zwanzig Jahre später, als Gunther (nun gespielt von Valentijn Dhaenens) ein erfolgloser Schriftsteller geworden ist, der versucht, seine Geschichte zu Papier und sein Leben auf die Reihe zu bringen, wird klar, wie sehr ihn dies alles immer noch beschäftigt. Und man spürt die Angst, dass er vielleicht genauso werden könnte wie sein Vater. Vielleicht ist dies ja sein vorgezeichneter Weg…

Die Vorlage zu The Misfortunates stammt aus der Feder des in Belgien sehr erfolgreichen Schriftstellers Dimitri Verhulst und ist in Deutschland unter dem Titel Die Beschissenheit der Dinge (der belgische Titel des Films besagt genau dies) bei Luchterhand erschienen. Gemeinsam mit dem Autoren des autobiographischen Romans hat Felix van Groeningen ein schrecklich schönes, sehr zärtliches und wüstes Werk gedreht, das hoffentlich auch den Weg in die deutschen Kinos finden wird. Denn neben dem Lachen und dem Entsetzen über eine Jugend wie diese macht der Film vor allem Mut. Mut, es trotz aller schlimmen Erlebnisse immer wieder aufs Neue zu versuchen, doch noch aus seinem Leben das Beste zu machen.

Die Beschissenheit der Dinge

Was ist nur mit den belgischen Filmemachern los? Hatte man jahrelang den Eindruck, die belgische Filmlandschaft bestünde fast ausschließlich aus den Gebrüdern Dardenne, drängen in den letzten Jahren junge, zumeist flämische Regisseure nach und produzieren einen beeindruckenden Film nach dem anderen.
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Meinungen
wiganek-hp · 16.05.2011

Wie man diesen Film lustig nennen kann, ist mir ein Rätsel. An Alkoholsucht ist nichts lustig! Wer das Leben solcher Menschen aus der Nähe erleben konnte und vor allem sehen konnte, was aus den Kindern wird, die in solchen Verhältnissen aufwachsen mussten und nicht das Glück hatten, herausgeholt zu werden, kann nur Scham und Mitleid empfinden. Am meisten leid tun die Kinder, aber auch die Frauen, die in den Kritiken kaum Erwähnung finden: die Mutter, die sich abrackert, zu schwach, um gegen ihre Söhne etwas ausrichten zu können, die Schwester, die sich als Konsequenz dieser Sozialisation einen Schläger als Mann ausgesucht hat. Von der Ästhetik des Filmes möchte ich gar nicht erst reden. Muss ich mir das antun, zuzusehen, wie der junge Günther die Kotze seines volltrunkenen Vaters wegwischt? Die Romanvorlage scheint etwas anders, vielleicht besser zu sein. Das lässt jedenfalls der Kommentar aus dem Off vermuten. Vielleicht ist es manchmal besser, über bestimmte Dinge nur zu lesen und sie nicht so drastisch in Bildern gezeigt zu bekommen.

Andi · 27.05.2010

Bomben Streifen!

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