Die Band von nebenan

Die Band von nebenan

Eine Filmkritik von Joachim Kurz

Nahöstliche Annäherungen

Dass diese acht Männer hier nicht hingehören, das sieht man auf den ersten Blick: Mit ihren himmelblauen Gala-Uniformen und den Koffern sowie verschiedenen Behältnissen für Instrumente stehen sie verloren auf einem israelischen Flughafen. Doch die Mitglieder des ägyptischen Polizeiorchesters aus Alexandria warten vergebens auf das Empfangskomitee, das sie zur Eröffnung des arabischen Kulturzentrums in Petah Tikva bringen soll, um dort als Botschafter Ägyptens aufzuspielen. Wie aber soll man sich ganz alleine in einem fremden Land zurechtfinden, in dem man nicht mal die Schilder lesen kann? Mit viel Glück gelingt es den musizierenden Polizisten schließlich doch, einen Bus zum Ort des nahöstlichen Kulturaustauschs zu ergattern, doch am Ziel angelangt muss der Orchesterleiter Tewfiq Zakaria (Sasson Gabai) feststellen, dass sein Untergebener sich wohl missverständlich ausgedrückt haben muss: Denn statt in Petah Tikva ist man in Bet Hatikva gelanden. Hier gibt es weder ein arabisches noch ein israelisches Kulturzentrum und eigentlich überhaupt keine Kultur, wie den Polizisten die junge Israelin Dina (Ronit Elkabetz) verkündet. Der nächste Bus aus dem kleinen Kaff in der Wüste fährt erst am nächsten Tag. Was nun? Spontan und hilfsbereit organisiert Dina die Unterbringung der wackeren Polizeimusiker. Und ausgerechnet hier, mitten im Niemandsland, kommen sich Ägypter und Israelis näher, als manch einem das lieb sein mag…

Eran Kolirins heiter-melancholische und hinreißend absurde Tragikomödie über eine unerwartete Begegnung zweier Kulturen, die miteinander verfeindet und sich zugleich sehr nahe sind, ist ein Glücksfall für das Kino. Ohne jeden Schnickschnack, bringt der Film das ägyptische Kino seiner Kindheit – ironischerweise konnte seine Familie wie viele andere Israelis auch in den Achtzigern nur Fernsehsender aus dem südlichen Nachbarland empfangen – mit der Lakonie von Filmemachern wie Aki Kaurismäki und Jim Jarmusch zusammen, so dass nicht nur innerhalb des Figurenensembles die scheinbaren Gegensätze harsch aufeinander prallen. Der Regisseur, der mit Die Band von nebenan / Bikur Hatizmoret sein auffallendes reifes Kinodebüt gibt, vermischt Privates und Politisches, zeigt die Schwierigkeiten jeder menschlichen Kommunikation und führt quasi nebenbei und mit behutsamen Miniaturen die ganze Absurdität des Nahost-Konfliktes vor. Da wird zum Beispiel ein lästiges Bild aus dem Sechstage-Krieg in Dinas Bistro kurzerhand mit einer Polizeimütze zugehängt – eine typische Szene für diesen Film, der seine ganze Stärke gerade aus solchen scheinbar einfachen Gesten und Handlungen bezieht.

Ein kleiner Skandal ist es, was diesem Film bei der Nominierung zum Oscar als Bester nicht englischsprachiger Film widerfuhr. Der Film, von Israel eingereicht, fand vor den Augen des gestrengen Gremiums keine Gnade, da 40 Prozent der Dialoge (wer misst eigentlich so etwas nach?) auf Englisch gewesen seien. Kleinkrämerischer geht es nun wirklich nicht mehr. Doch auch ohne die Aufmerksamkeit durch eine Oscar-Nominierung und einen möglichen Gewinn der Trophäe – das Zeug dazu hat Die Band von nebenan / Bikur Hatizmoret ohne Zweifel – erregte der Film einiges an Aufsehen und wurde im letzten Jahr auf dem Festival von Cannes mit dem Prix Coup de Coeur sowie auf dem Münchner Filmfest mit dem Publikumspreis ausgezeichnet. Und in seiner Heimat wurde der Film gleich achtmal von der israelischen Filmakademie ausgezeichnet. Auch und gerade weil es solche Filme derzeit schwer haben in den deutschen Kinos, wäre es diesem kleinen, sympathischen Filme zu gönnen, möglichst viele Zuschauer zu erreichen. Denn die Geschichte der Begegnung und Annäherung zweier Kulturen ist im wahrsten Sinne des Wortes ganz großes Kino – amüsant, melancholisch, mit feinem Blick für das Politische, ohne jemals belehrend und moralisierend zu werden, eine schräge Verbeugung vor der Macht der Musik und der schlichten Menschlichkeit.
 

Die Band von nebenan

Dass diese acht Männer hier nicht hingehören, das sieht man auf den ersten Blick: Mit ihren himmelblauen Gala-Uniformen und den Koffern sowie verschiedenen Behältnissen für Instrumente stehen sie verloren auf einem israelischen Flughafen.

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Meinungen
Marc · 14.07.2008

Toller Film!
Tolle Bilder!
Tolle Schauspieler!

Fühlte mich leicht an Jim Jarmusch erinnert.
Man muss den Film unbedingt im OmU anschauen! Ein absolut sehenswerter Film, der einfach menschlich ist.
Klasse!

· 27.02.2008

Ruhig, unaufdringlich, sehenswert.

Ruggero · 05.02.2008

Sicherlich ein interessanter Film, aber mit einigen Brüchen: Das einsame Nest, in dem die Band landet, ist, wie sich im Verlauf des Films zeigt, doch gar nicht so einsam. So gibt es zum Beispiel eine Rollschuhhalle. Und warum der "General" nicht auf die Annäherungsversuche der Imbiss-Inhaberin eingeht, ihr aber seinen Fehler im Zusammenhang mit der Erziehung seines Sohnes eingesteht, wird nicht klar - die Wandlung vom harten Macho zum "Softie" ist nicht ganz schlüssig. Die Imbiss. Inhaberin mit ihrer indirekten sexuellen Anmache allerdings ist sehr überzeugend gespielt, und der "Hallodri" in der Band kann sein Image voll ausspielen.

wogo · 31.01.2008

Schade, die Synchronisation nimmt dem großartigen Film wahrscheinlich viel von seinem Charme.

Antje Bohnhorst · 31.01.2008

Ich habe diesen Film auf dem Braunschweiger Filmfest gesehen (Danke, Filmfest-Team!!!) und fand ihn wunderbar: Zutiefst menschlich und warm; er geht sehr behutsam mit den Figuren und auch mit dem Thema um - ohne erhobenen Zeigefinger und mit einem herrlich schrägen, lakonischen Humor, der die Zustände karikiert, aber nie die Menschen denunziert. Ich wünsche diesem Film möglichst viele Zuschauer!

Kommentare

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